Mittwoch, 10. Juni 2020

Hausarzt

Gestern in der SZ:
Ralf Tillenburg, 64, ist Facharzt für Allgemeinmedizin und betreibt seit 2009 eine Praxis in Düsseldorf. Wie viele Hausärzte wird er von Patienten mit Fragen zu Corona überhäuft, die nicht immer leicht zu beantworten sind.

„Haben wir den Kampf wirklich gewonnen?“

Der Hausarzt Ralf Tillenburg sorgt sich um Menschen, denen der harte Corona-Lockdown viel Leid bereitet hat

SZ: Sie haben Ihrem Ministerpräsidenten Armin Laschet geschrieben, weil Sie wegen der Corona-Maßnahmen in Sorge um Ihre Patienten sind. Was genau haben Sie erlebt in Ihrer Praxis?

Ralf Tillenburg: Menschen, die sehr ängstlich geworden sind. In den ersten Wochen der Pandemie sagten mir Patienten am Telefon, dass sie nicht mehr zu mir kommen. Sie hatten Angst, sich anzustecken. Und in meiner Praxis habe ich Menschen erlebt, gerade jüngere, die geweint haben, weil sie glaubten, sie müssten sterben.

Was haben Sie diesen Patienten geraten?

Ich habe ihnen gesagt, dass ich das Virus für nicht so gefährlich halte. Man soll es nicht unterschätzen, keine Frage. Aber wenn wir uns zum Beispiel im Freien aufhalten, ist die Infektionsgefahr sehr gering. Laut Robert-Koch-Institut muss man normalerweise mindestens 15 Minuten mit einer infizierten Person Kontakt gehabt haben, und zwar engen Kontakt, mit weniger als 1,5 Meter Abstand, um sich möglicherweise selbst zu infizieren. Geht man also an einem anderen Menschen auf der Straße vorbei, der einen nicht komplett anniest oder anhustet, ist das Risiko sehr gering.

Hat das Ihre Patienten beruhigt?

Einige ja, andere weniger. Ich betreue eine Seniorenresidenz. Dort sind manche Bewohner völlig vereinsamt, als das Besuchsverbot galt. Eine Frau hat deshalb nicht mehr gegessen und getrunken und ist gestorben. Ich dachte mir: Die Menschen, die jetzt wegen dieser Maßnahmen sterben, haben keine Stimme. Das sind halt die Kollateralschäden.

Es wurde wiederholt die Befürchtung geäußert, notwendige Behandlungen würden unterlassen, um genug Klinikbetten für Corona-Patienten vorzuhalten. Haben Sie solche Fälle erlebt?

Ich weiß von einem meiner Patienten, um die 50 Jahre alt. Er litt an Krebs und hatte wochenlang auf eine Chemotherapie gewartet. Sie fand nicht statt, wegen Corona. Er ist dann gestorben. Ob durch die Chemotherapie sein Leben verlängert worden wäre, weiß ich natürlich nicht. Schlimm war im Übrigen nicht nur, dass Menschen gestorben sind, sondern auch wie.

Was meinen Sie damit?

Eine Patientin von mir, die ebenfalls an Krebs litt, durfte von niemandem besucht werden. Sie wäre beinahe einsam verstorben. Nur in den letzten Stunden vor ihrem Tod hat man wenigstens ihren Ehemann zu ihr gelassen. Auch alte Menschen haben mir oft gesagt, wie schlimm sie es fanden, keinen Besuch mehr zu bekommen. Versuchen Sie das mal einer dementen alten Dame zu erklären, die im betreuten Wohnen lebt, warum ihre Tochter nicht mehr kommt. Da ist es vorbei mit der Lebensqualität, diese Frau hat sonst niemanden.

Trotzdem bleibt die Frage, was schlimmer ist: zwei Monate Einsamkeit oder an einer potenziell tödlichen Krankheit zu erkranken?

Ich verstehe die Argumentation. Aber wenn eine Frau nichts mehr isst oder trinkt, weil sie keinen Sinn mehr im Leben sieht, ist das ja auch ein Todesfall, der im weitesten Sinne mit Corona zusammenhängt.

Bewegen Sie sich nicht auf einem schmalen Grat, wenn Sie das Virus als nicht so schlimm bezeichnen – angesichts der Fall- und Todeszahlen in Italien, Frankreich oder Spanien?

Manche Menschen haben mir vorgeworfen, dass ich verharmlose. Ich habe auch gewisse Bedenken, meinen Patienten etwas zu raten, was sich hinterher als gesundheitsschädlich erweist. Oder dass sie meine Aussagen als Legitimation verstehen, jegliche Sorgfalt außer Acht zu lassen oder Hygieneregeln zu ignorieren. Trotzdem sehe ich die Corona-Maßnahmen weiter kritisch. Die berühmte Reproduktionszahl zum Beispiel war ja schon vor dem Lockdown unter eins und ist es seitdem auch geblieben, mit kleinen Abweichungen.

Die Behauptung, dass der Lockdown nichts genutzt habe, ist doch längst widerlegt. Nachgewiesenermaßen haben viele Menschen schon vor den Maßnahmen ihre Kontakte reduziert; Großveranstaltungen wurden frühzeitig abgesagt – all das hat den R-Wert gesenkt.

Und doch frage ich mich, ob wir mit etwas weniger Lockdown nicht den gleichen Effekt erzielt, dafür aber weit weniger Schaden angerichtet hätten. Mehrere Patienten haben mir erzählt, dass sie nur noch von ihrem Ersparten leben. Ein mir bekannter Friseur konnte sich knapp vor der Insolvenz retten. Wir alle werden noch lange an den Konsequenzen des Lockdowns zu knabbern haben.

Können Sie dem Verhalten der Politiker auch etwas Positives abgewinnen? Etwa, dass nicht die Belange der Wirtschaft im Vordergrund standen, sondern die Gesundheit der Menschen?

Doch. Und ich freue mich auch über die vergleichsweise niedrigen Todeszahlen in Deutschland, die meiner Meinung vor allem unserem sehr guten Gesundheitssystem zu verdanken sind. Aber haben wir den Kampf wirklich gewonnen? Oder haben wir mit den Maßnahmen nicht auch viele Menschen ins Unglück gestürzt?

Sie haben neben Armin Laschet auch andere Politiker angeschrieben, darunter Kanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Hat denn jemand geantwortet?

Nur Armin Laschet. Mich hat der Brief auch deshalb sehr gefreut, weil darin stand, dass er sich nicht nur von Virologen beraten lässt, sondern auch von Ethikern oder Pädagogen. Er hat ein langes Konzept mitgeschickt. Das hat mich ein bisschen beruhigt, weil ich seine Gedankengänge besser verstehen konnte. Das macht es auch leichter, die Maßnahmen nachzuvollziehen. Genau das fehlt mir bei Merkel oder Spahn. Von denen höre ich vor allem Sätze wie: Wir sind erst am Beginn einer Pandemie. Oder: Die zweite Welle kommt bestimmt. Da fühle ich mich alleingelassen.

Befürchten Sie keine zweite Welle?

Nein. Wenn überhaupt, kommt sie wohl erst im nächsten Winter, wenn wir wieder mehr zu Hause hocken. Es kann aber auch anders kommen. Bei früheren Ausbrüchen hat man gesehen, dass Viren, die vom Tier auf den Menschen überspringen, sich irgendwann zu Tode mutieren. Dass sie mit der Anpassung an den menschlichen Körper ihre Gefahr verlieren. So war es bei der Schweinegrippe und bei Sars-Cov-1. Ich bin da einfach ein bisschen Optimist. Natürlich habe ich gespannt beobachtet, wie sich die Fallzahlen nach den Mai-Demonstrationen in Berlin entwickeln. Oder nach den Ausbrüchen in den Mastbetrieben. Beides hat nicht zu einem bedrohlichen Anstieg der Infektionen geführt.

Sie schauen sich die Corona-Statistiken jeden Tag an?

Ja, auch weil immer etwas Angst bleibt, dass ich meine Einschätzung korrigieren muss. Im Sinne meiner Patienten möchte ich das dann wenigstens sehr schnell tun.

INTERVIEW: RAINER STADLER
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