Samstag, 30. Mai 2020

Mausfeld

Rubikon Samstag, 30. Mai 2020
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Der autoritäre Planet

„Im Kampf gegen Machtkonzentration, Demokratieabbau und Totalüberwachung reicht Empörung allein nicht aus“, skizziert Elitenkritiker Rainer Mausfeld im Rubikon-Exklusivinterview.

von Rainer Mausfeld, Flo Osrainik

ZUSAMMENFASSUNG
  • die Demokratie-Fassade hilft, die Bevölkerung ruhig zu halten →  Medien und Expertengremien verbreiten in diesem Kontext nicht die Wahrheit, sondern nur Scheinwissen, das den Herrschaftsinteressen dient
Freiheit des Geistes - Kreativität und Destruktivität ist unbegrenzt
  • unsere evolutionsbiologische Beschaffenheit als Gattung „Mensch“ → einige unserer höheren kognitiven Befähigungen konnten sich in der Evolutionsgeschichte nur dadurch entwickeln, dass sie von einer rigiden Instinktbindung befreit wurden
  • das bedeutet, dass die damit verbundenen psychischen Funktionskreisläufe nicht mehr gleichsam mechanisch und starr ablaufen→ haben viele Freiheitsgrade, aus denen sich im Gefüge der vielen psychischen Komponenten unseres Geistes fast beliebig viele Kombinationsmöglichkeiten ergeben
  • das ist die Basis menschlicher Kreativität in Sprache, Musik, Kunst, Spiel und in vielen anderen Bereichen → die Kehrseite: auch die destruktiven Kapazitäten des Menschen sind nicht mehr biologisch selbstlimitierend, sondern nahezu grenzenlos
  • das destruktives Potenzial übersteigt die internen Möglichkeiten einer Kontrolle bei Weitem→ damit trägt der Mensch gleichsam den Keim einer Selbstzerstörung in sich
 Demokratie - das Recht des Stärkeren begrenzen
  • die gesamte Zivilisationsgeschichte →ein Bemühen, die daraus resultierenden Probleme unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens kompensatorisch zu bewältigen, d.h. zivilisatorische Schutzbalken zu entwickeln, durch die Macht eingehegt werden kann (Leitidee der Demokratie)
  • neoliberale Gegenrevolution beseitigt eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften gegen die Barbarei, also gegen ein Recht des Stärkeren →  die Demokratie als radikale Vergesellschaftung von Herrschaft
  • dadurch ist in den vergangenen Jahrzehnten die Asymmetrie der Machtverhältnisse zwischen den Zentren der Macht und den Machtunterworfenen so groß geworden, dass sich Macht wieder ungehindert und zügellos entfalten kann → Rückkehr zum Recht des Stärkeren  
Zentren der Macht - abstrakt und global vernetzt
  • die Zentren der Macht sind immer abstrakter organisiert und haben sich global so vernetzt, dass sie grundsätzlich jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entzogen sind
  • die Zentren der Macht und insbesondere transnationale Großkonzerne haben sich zu Selbstversorgern mit Gesetzen gemacht → dazu bedarf es keines systematischen Plans, denn es ist der Macht immanent, dass sie danach drängt, sich zu stabilisieren und auszuweiten; Macht kann immer nur durch eine Gegenmacht begrenzt werden
Bevölkerung kontrollieren - Empörung als Blitzableiter
  • es wurden in vielen Jahrzehnten mit gewaltigen finanziellen Mitteln und unter massiver Beteiligung von Sozialwissenschaften und Psychologie Techniken der Soft-Power-Bevölkerungskontrolle entwickelt → Techniken der Indoktrination, des Empörungsmanagements, der Dissenskontrolle, der Spaltung sozialer Bewegungen, der Erzeugung von Apathie und moralischer Gleichgültigkeit, der sozialen Narkotisierung durch Konsumismus und eine mediale Überflutung mit Nichtigkeiten, et cetera, et cetera
  • politische Empörungsreaktionen der Bevölkerung sind wünschenswert→tragen wie ein Blitzableiter dazu bei, dass sich affektive politische Veränderungsenergien auf Ablenkthemen richten oder sich in einem gedanklichen Niemandsland affektiv verzehren und damit verpuffen
Ohne Tradition - begriffslose Empörung
  • dies gelingt jedoch nur, wenn sie begriffslos bleibt → wenn also die Möglichkeiten eines Verstehens der Auslösebedingungen und damit einer gedanklichen Einbettung und Stabilisierung der Empörung fehlen
  • das Rezept dazu ist die Erzeugung eines gesellschaftlichen Gedächtnisverlustes → Empörte von allen emanzipatorischen Traditionen entwurzeln: das in langen emanzipatorischen Bemühungen mühsam gewonnene gedankliche Instrumentarium steht dann nicht mehr zur Verfügung
  • eine begriffslose Empörung macht ihre Träger besonders anfällig dafür, eigene starke Empörungsaffekte durch eine Einbettung in anti-emanzipatorische Narrative zu bewältigen → sie mit dem üblichen Diffamierungsvokabular aus dem öffentlichen Debattenraum verbannen
  • dies blockiert emanzipatorisches Denken → Empörungen bleiben flüchtig und irrlichtern je nach aktuellem Empörungsanlass von x zu y
Empörungskonsumismus -  ohne Reflexion entpolitisiert
  • immer neue Empörungsanlässe, die genauso schnell wieder vergessen sind, wie sie durch Trigger erregt werden können
  • psychische Verformungen durch Konsumismus sowie einen extrem individualistischen und von gesellschaftlichen Beziehungen abgelösten Freiheitsbegriff → es entsteht eine Art Empörungskonsumismus, der zu seiner Befriedigung Empörungsanlässe benötigt, die sich ohne tiefere Reflexion konsumieren lassen
  • langfristig durch eine Empörungserschöpfung eine weitere Entpolitisierung erzeugen 
 Versöhnung durch Konsum - Empörungserschöpfung
  • sich mit einer Fülle gravierender Freiheitseinschränken konsumistisch versöhnen → z.B. den extremen Verletzungen elementarer Freiheitsrechte, die Edward Snowden aufgedeckt hat 
  • die privatesten Freiheiten an Facebook, Instagram, Google, Apple oder Amazon abtreten → dafür gibt es Unterhaltung und konsumistische Befriedigung
  • den vorrangig auf Status-quo-Wahrung bedachten Teil der Bevölkerung in politischer Apathie halten und zugleich denjenigen Teil der Bevölkerung, der ein hohes politisches Veränderungsbedürfnis hat, in einer begriffslosen Empörung halten, die dann entweder zu einem Empörungskonsumismus führt oder in einer Empörungserschöpfung versandet
Radikale Subjektivität - blind für überpersönliche Missstände
  • eine begriffslose Empörung bleibt in einer radikalen Subjektivität gefangen → ist kognitiv und moralisch blind für abstraktere und überpersönliche Missstände, bleibt wesenhaft apolitisch
  • eine begriffslose Empörung bleibt blind 
    • für eine Politik, die durch Kriege, terroristische Akte, Waffenexporte, Sanktionen und durch die globalisierte neoliberale Wirtschaftsordnung Abermillionen Tote in aller Welt verursacht
    • für die mehr als 40 Millionen Menschen, die gegenwärtig Opfer moderner Formen der Sklaverei sind — etwa in Textilfabriken in Südostasien, auf Baumwoll- oder Kakaoplantagen, 300.000 Kinder allein auf Kakaofarmen der Elfenbeinküste 
    • für die Einsicht, dass deren Lage und die unsere irgendwie zusammenhängen
Angeborenes Unrechtsbewusstsein - geht verloren
  • Menschen haben als Teil der Beschaffenheit unseres Geistes ein natürliches Unrechtsbewusstsein, das jedoch vielfältig kulturell überformt wird →  unser Handeln wird nur zu einem recht kleinen Teil durch unsere moralischen Kapazitäten bestimmt
  • moralischen Kapazitäten verlieren mit wachsender sozialer Distanz an Gewicht und spielen zudem nur noch eine vergleichsweise geringe Rolle spielen, wenn es um moralische Bewertungen unseres eigenen Handelns oder Nicht-Handelns geht
  • Kräfte, die unser Handeln mitbestimmen: unsere natürliche Neigung
    • unseren eigenen Lebensstandard zu bewahren und zu rechtfertigen, also unsere Status-quo-Neigung
    • zu einer Selbstwertstabilisierung, die uns zum Beispiel Diskrepanzen zwischen unseren deklarierten Werten und unserem Handeln nicht erkennen lässt
    • Konflikte mit den als mächtig Angesehenen möglichst zu vermeiden
    • für komplexe gesellschaftliche Phänomene eine Ursachenzuschreibung in konkret sinnlich erfassbaren Kategorien oder auf der Basis von Personalisierungen zu machen („Konkretismus“ und zu Personalisierungen) 
Manipulation unserer Neigungen -  Lenkung der Aufmerksamkeit
  • diese Neigungen manipulativ nutzen, um die Aufmerksamkeit auf Ablenkziele richten →  z.B. Finanzkrise 2008 mit dem Thema „Gier der Banker“
  • Ablenkthemen in der Corona-Krise →  technische virologische und statistische Probleme oder Fragen nach der Rolle von Bill Gates: wir sollten uns vor Blickverengungen durch Konkretismus und Personalisierung hüten →  stattdessen strukturell denken 
Macht verstehen - Gegenmacht aufbauen
  • Macht kann sich durch vielfältige Möglichkeiten eines Offerierens von Vorteilen die Unterstützung wichtiger wirtschaftlicher, sozialer und politischer Elitengruppen sichern →  Intellektuelle, Wissenschaftler und Journalisten, die bereit sind, sich wie Eisenspäne in den jeweiligen Kraftfeldern der Macht auszurichten
  • es geht darum, die Formen der Macht gedanklich zu erfassen und zu verstehen und auf dieser Grundlage eine geeignete Gegenmacht aufzubauen →  Aufgabe und Ziel emanzipatorischer Bewegungen, und hierzu gibt es einen riesigen Schatz an Einsichten und Erfahrungen
Bürgerlich-kapitalistischer Staat - keine Demokratie
  • der bürgerlich-kapitalistische Staat hat nie primär dem Allgemeinwohl gedient →  stellt eine institutionelle Verdichtung sehr komplexer kapitalistischer Sozial- und Klassenbeziehungen dar, wie sie für die kapitalistische Produktionsweise unverzichtbar sind
  • Kategorienfehler, den Staat als einen moralischen Akteur anzusehen →  vorrangiges Ziel: die Stabilität gegenwärtiger Machtverhältnisse zu sichern
  • Kapitalismus bedeutet, das Recht des ökonomisch Stärkeren durch ein Eigentums- und Vertragsrecht rechtlich zu kodifizieren →  da kapitalistische Strukturen ihrem Wesen nach autoritär organisiert sind, sind Kapitalismus und Demokratie in grundlegender Weise miteinander unverträglich
  • diesen Widerspruch durch Entwicklung geeigneter Indoktrinationstechniken verdecken 
  • die Idee einer kapitalistischen Elitendemokratie — das gegenwärtige Standardmodell westlicher „Demokratien“ — hat nicht mit der in der Aufklärung gewonnenen Leitidee von Demokratie als eine souveräne Selbstgesetzgebung des Volkes zu tun
Sprachmanipulation -  Inhalt des Begriffs ins Gegenteil verkehren
  • Wortaberglauben → Überzeugung, dass Wörter auch diejenigen Sachverhalte in der Realität widerspiegeln, die wir assoziativ mit ihnen verbinden
  • den Demokratiebegriff beibehalten, seine Bedeutung jedoch so zu verschieben, dass er heute geradezu sein eigenes Gegenteil bezeichnet →  eine Eliten-Wahloligarchie
  • die Ideen von Gemeinwohl und Demokratie →  besonders wirksam zur Manipulation der Bevölkerung
  • indirekt können sie nützlich sein →  ihre öffentliche Wahrnehmung kann sich auf das Wahlverhalten auswirken
 Medien - Propaganda statt Information
  • die demokratische Maske ist ohne Propaganda und ohne Verwendung von Fake News nicht aufrechtzuerhalten
  •  Medien dienen grundsätzlich nicht zur Verbreitung der Wahrheit, sondern den politischen und ökonomischen Interessen derjenigen, in deren Besitz sie sind
  • sich bei Themen, die an der Peripherie von Machtinteressen liegen, um eine wahrheitsgetreue Berichterstattung bemühen, um die Illusion ihrer Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu fördern
Fake News - eine Form der Ausgrenzung
  • Manipulationstechniken: Fake News als besonders wirksame Methode, durch die sich im Kopf ein Nebel der Verwirrung erzeugen lässt →  die für rationales Denken wichtige Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ so zersetzen, dass  Bemühungen, herauszufinden, welche Behauptungen über die gesellschaftliche Welt eigentlich wahr sind, schlicht irrelevant werden
  • die Macht haben, seinen eigenen Standpunkt zur Wahrheit zu erklären →  alles andere als Fake News ächten und aus dem Debattenraum auszugrenzen, nicht auf die Idee kommen, diese Behauptung auf ihre Wahrheit oder Falschheit zu überprüfen
 Verschwörungstheoretiker - reines Ausgrenzungsinstrument
  • in der Sache ist der Ausdruck Verschwörungstheoretiker ohne Sinn — und wer ihn im politischen Kontext verwendet, ohne Verstand →  das ist in diesem Bereich kein Manko, denn hier geht es um Macht
  • Medien offenbaren allein dadurch, dass sie diesen Ausdruck in einem solchen Ausgrenzungssinne verwenden, wie hemmungslos sie sich in den Dienst der Stabilisierung herrschender Machtverhältnisse stellen
Herrschaft - zum Herrschen geboren
  • Fremdherrschaft, das heißt, dem Willen eines anderen unterworfen zu sein →  das Urproblem gesellschaftlicher Organisation
  • die gesamte Zivilisationsgeschichte dreht sich darum, Schutzbalken gegen die  Exzesse der Macht einer Fremdherrschaft zu entwickeln
  • Herrschaft liegt die ideologische Annahme zugrunde, dass es Menschengruppen gäbe, die von Natur aus zum Herrschen geboren seien → diese Grundideologie des Herrschens durchzieht von der Antike bis zu modernen Formen des Rassismus die abendländische Geschichte
  • sie lässt sich nur überwinden, wenn wir bereit sind, alle Menschen als frei und gleich anzuerkennen, ungeachtet ihrer tatsächlichen Differenzen →  Grundlage einer egalitären Demokratie, aus der sich dann alles Weitere entwickeln lässt
Formen der Herrschaft - z.B. Eigentum
  • immer wieder neue Formen von Herrschaft im Lauf der Geschichte →  beispielsweise durch die Entwicklung des Eigentumsrechts
  • Kern des klassischen Liberalismus: „Sakralisierung des Eigentums“ →  das Recht auf Privateigentum an Produktionsmitteln und an Grund und Boden zu einem absoluten Recht machen 
  • diese Formen des Privateigentums werden jeder demokratischen Willensbildung entzogen →  auf dieser Basis sind neue Formen von Fremdherrschaft entstanden
  • die kapitalistische Eigentumsordnung verpflichtet alle, die über kein eigenes Kapital verfügen, für fremdes Eigentum zu arbeiten →  Arbeit im Kapitalismus bedeutet Unterwerfung unter eine Minderheit von Besitzenden
  • eine der mächtigsten Formen von Fremdherrschaft →   die Überlebensgrundlage der Nichtbesitzenden hängt vom erfolgreichen Verkauf der eigenen Arbeitskraft an die Besitzenden ab
Rassismus - Ausbeutung rechtfertigen
  • Kapitalismus ist auf die Idee der Ein- und Unterteilung von Menschen angewiesen →   daher ist die permanente Erzeugung von Rassismus historisch tief in unserer Gesellschaft verankert
  • die  Zuschreibung unveränderlicher Eigenschaften zu Gruppen dient der Verfestigung und Stabilisierung von Ausbeutungsverhältnissen →  der globalisierte Kapitalismus kann nur rassistisch sein, weil er extreme Ungleichheit rechtfertigen muss
Wirkliche Demokratie - nur in kleinen Gruppen?
  • das Volk herrscht nicht →  kann bestenfalls wählen, von wem es beherrscht werden soll, und selbst die bekommt es vorsortiert angeboten
  • wirkliche Demokratie wäre, wenn alle Menschen, in gleichem Maße entscheiden könnten →  in der aktuellen Form der Demokratie würde sich aber nur eine (Mehrheits-)Meinung durchsetzen und viele andere unterdrücken
  • Unterschied zwischen Diktatur und dieser staatlichen Demokratie →  in ersterer unterdrückte eine Minderheit die Mehrheit und in letzteren eine Mehrheit zahlreiche Minderheiten
  • beides ist eine Herrschaft einiger über viele →  eine Oligarchie und keine Demokratie
  • Demokratie ist entweder nur in kleinen Gruppen oder gar nicht möglich →   ein Netz kleiner Gruppen wäre die grundlegende Struktur der Anarchie
  • Demokratie als eine Eliten-Wahloligarchie →  unser gegenwärtiges Standardmodell einer kapitalistischen Demokratie war von anfang an so geplant
Wirkliche Demokratie - öffentlicher Diskurs
  • Missverständnis, dass eine „wirkliche Demokratie“ eine Diktatur der Mehrheit wäre und zudem nur in kleinen Gruppen möglich sei →  die jeweils unterlegene Minderheit sei der reinen Willkür der Mehrheit ausgeliefert
  • demokratische Leitidee einer Selbstgesetzgebung  → Demokratie erschöpft sich nicht in einer bloßen Mehrheitsentscheidung
  • die Vielfalt sehr unterschiedlicher Interessen und Positionen für ein politisches Handeln miteinander in Einklang zu bringen →   Sicherstellung eines öffentlichen Debattenraums, in dem sich alle als Freie und Gleiche einbringen können erst wenn sich eine Handlungsentscheidung nicht über einen solchen öffentlichen Diskurs erreichen lässt, sind Abstimmungen nötigt
Heterogene Gesellschaften → sich auf Entscheidungsprozeduren einigen, Minderheiten einbeziehen, Ergebnisse kontrollieren
  • in sehr großen und sehr heterogenen Gesellschaften sind die meisten politischen Fragen kaum mehr durch einen allgemeinen Konsens zu lösen
  • Problem für eine souveräne Selbstgesetzgebung (Identität von Gesetzgebenden und Gesetzesadressaten) →  eine solche kann es nur auf der Basis von etwas Gemeinsamem geben
  • in modernen hochgradig heterogenen Gesellschaft kann dieses Allgemeine und Gemeinsame nicht mehr in konkreten spezifischen Werten und Positionen liegen →  bezieht sich nur noch auf die Prozeduren, auf denen Entscheidungen über ein politisches Handeln basieren sollen
  • ein solches Verfahren muss so beschaffen sein, dass es auch die Einwilligung derjenigen finden kann, die eine unterlegene Minderheit sein könnten →  abweichende Meinungen müssen in den Prozess der Entscheidung in angemessener Weise eingegangen und soweit wie möglich berücksichtigt worden sein
  • darüber hinaus müssen die Entscheidungen fortlaufend an den gesellschaftlichen Erfahrungen geprüft und jederzeit durch die gesellschaftliche Basis korrigiert werden können
Basisdemokratie und Bürokratie
  • Kernthema der politischen Philosophie seit der Aufklärung →  individuelle Freiheitsbedürfnisse und Gemeinschaftsinteressen miteinander in Einklang bringen
  • auch konsequent von unten organisierte gesellschaftliche Strukturen sind stets davon bedroht, im Zuge ihrer unvermeidlichen Bürokratisierung wieder neue Formen einer Elitenbildung hervorzubringen, wodurch dann zunehmend die konsequente Anbindung an die Basis verloren zu gehen droht (Beispiel: Mondragón-Genossenschaft)

Mondragón-Genossenschaft

WIKIPEDIA
Die Mondragón Corporación Cooperativa (MCC) ist die größte Genossenschaft und das siebtgrößte Unternehmen Spaniens. Sie hat ihren Sitz in Mondragón im spanischen Baskenland und ist global tätig. Zur MCC gehören mehr als 100 Unternehmen verschiedener Sektoren wie Maschinenbau (u. a. Orona), Automobilindustrie, Haushaltsgeräte, Bauindustrie, Einzelhandel (u. a. Supermarktkette Eroski), Banken und Versicherungen. Auch zum Verbund gehören 15 Technologiezentren. Es ist damit nach eigenen Angaben die größte Produktiv-Genossenschaft der Welt.

Gründung und Geschichte
Die Genossenschaft wurde in der Kleinstadt Mondragón in der baskischen Provinz Gipuzkoa gegründet, wo sie bis zum heutigen Tage ihren Hauptsitz hat. Im Spanischen Bürgerkrieg litt die Stadt unter Massenarbeitslosigkeit. Der junge Priester José María Arizmendiarrieta beschloss, das Elend der Bevölkerung mit genossenschaftlichen Strukturen der Selbsthilfe zu mindern.

1943 baute Arizmendiarrieta eine demokratisch organisierte Fachhochschule auf, die eine Schlüsselrolle des späteren Genossenschaftswesens im Baskenland spielte. Drei Jahre nach Gründung der ersten Genossenschaft durch fünf Absolventen der von Arizmendiarrieta gegründeten Fachschule wurde die Caja Laboral ins Leben gerufen, eine Kreditgenossenschaft, die Genossenschaften und genossenschaftliche Neugründungen finanzierte. Der besondere Aspekt dabei ist die den Realgenossenschaften gegenüber dienende Rolle durch die geringen Zinssätze für Fremdkapital bei Neugründungen.

Anfang der 1960er waren um Mondragón bereits mehr als zwanzig Kooperativen entstanden. Die Wirtschaftskrise Mitte der 1970er traf die baskische Schwerindustrie schwer, wovon auch der Mondragón-Verbund betroffen war. Zur Abmilderung der Krise konnten Arbeiter eines angeschlagenen Mondragón-Unternehmens unter anderem in eine der anderen Kooperativen wechseln und die Produktpalette wurde verbreitert. Es gelang somit den Verbund in den folgenden Jahren weiter zu vergrößern.

Im Gefolge der Europäischen Wirtschaftskrise seit 2008 und der folgenden Konsumzurückhaltung insbesondere in Spanien und Frankreich ist eine Teilgenossenschaft, der Hausgeräte-Hersteller Fagor, im Oktober 2013 in die Insolvenz gegangen. Die übrigen Mitglieder der Gesamt-Genossenschaft mussten nach umfangreicher Hilfe im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich weitere Hilfe einstellen, um sich nicht selbst zu gefährden. Am 7. März 2014 musste auch die erfolgreiche deutsche Vertriebstochter, die Fagor Hausgeräte GmbH, ihren Betrieb einstellen, weil aus Spanien wegen der Betriebseinstellung in den dortigen Fagor-Werken keine Geräte mehr geliefert werden konnten. Die meisten Mitarbeiter wurden von den anderen Mondragón-Kooperativen übernommen. Fagor wurde in der Insolvenz zerschlagen, Teile von verschiedenen Unternehmen übernommen und fortgeführt.

Die genossenschaftliche Idee
Die Arbeitnehmer der MCC sind am Grundkapital des genossenschaftlichen Unternehmensverbundes beteiligt. Sie werden in die Entscheidungen des Führungspersonals eingebunden. Die baskischen Genossenschaften der MCC haben einen personenorientierten Charakter, der die Arbeit und nicht das Kapital in den Vordergrund stellen soll. Dies solle zu einem positiven Klima beitragen, welches Motivation und Produktivität der Betriebe erhöht. Die Arbeitnehmer werden am Gewinn beteiligt. Befindet sich ein Betrieb in finanziellen Schwierigkeiten, können sie mit Zustimmung der Arbeitnehmer durch Lohneinbußen aufgefangen werden. Bei großen betriebswirtschaftlichen Problemen oder Auftragsspitzen arbeiten Arbeitnehmer kurzzeitig in anderen Genossenschaften. Beinahe alle erwirtschafteten Erlöse werden reinvestiert. Große Bedeutung kommt auch der (Weiter-)Bildung zu. Damit möchte die Genossenschaft nicht nur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch ihrer sozialen Verantwortung nachkommen.

81 Prozent der Beschäftigten (2016) sind durchschnittlich bei den Kooperativen auch Genossenschafter des Unternehmens. Die Einlage, die ein Genossenschafter (sogenannter socio) leisten muss, beträgt rund 15.000 Euro und kann bei Geringverdienern über einen längeren Zeitraum gezahlt werden. Ein Teil davon wird als Investitionskapital verwendet. Der Rest ist Kapitalstock und wird auch mit den Gewinnen der Firmen aufgestockt. Ein Rentner kann sein Kapital entnehmen oder weiter am Erfolg des Unternehmens teilhaben. Arbeitsunfähige erhalten die vollen Bezüge bis zum Rentenalter, bei Pflegebedürftigkeit sogar 150 % der Bezüge. Die Führungskräfte verdienen maximal das achtfache der einfachen Angestellten.

Organisation
Oberstes beschlussfassendes Organ ist der genossenschaftliche Kongress mit 650 Mitgliedern, der sich aus Delegierten aus den einzelnen Genossenschaften zusammensetzt. Die Jahreshauptversammlung wählt den „Regierenden Rat“ (Vorstand), der die Verantwortung für das Tagesgeschäft trägt. Jede Einzelgenossenschaft hat einen Betriebsrat, der einen Vorsitzenden wählt, welcher das Management des Betriebes berät.

Spannungsverhältnis zu den traditionellen Idealen
Die Größe hat Spannungen zwischen den traditionellen Werten und Idealen und der betriebswirtschaftlichen Wirklichkeit hervorgebracht. So gab es Vorwürfe, dass Fabriken verlagert wurden und dort den Arbeitnehmern nicht die gleichen Rechte zugestanden würden. Dennoch waren Ende 2005 noch 81 % der 78.455 Arbeitnehmer Vollmitglieder der Genossenschaften. Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat immer noch Vorrang vor Kapitalinteressen. So wurde seit der Gründung der Genossenschaft im Gegensatz zu anderen Industrieunternehmen kein Stellenabbau durchgeführt.

Unruhe erzeugte ebenfalls die gefühlte zunehmende Distanz zwischen Management und Arbeitnehmern. Zwar besteht immer noch die Regelung, dass das Führungspersonal maximal das achtfache des Arbeiterlohnes verdienen darf. Dennoch fühlen sich viele Arbeitnehmer nicht mehr in die Entscheidungsprozesse eingebunden und geben auch an, der gemeinsame genossenschaftliche Gedanke und Zusammenhalt habe in der letzten Generation nachgelassen. Einige Genossenschaften haben sich bereits abgespalten, da sie mehr betriebliche Demokratie in ihren Genossenschaften durchsetzen möchten.

https://www.mondragon-corporation.com/de/


Freiheitsbegriff - entpolitisiert
  • das Verhältnis von individuellen Freiheitsbedürfnissen und den Interessen einer Gemeinschaft → in einer konkreten historischen Situation dieses Beziehungsverhältnis stets auf demokratischem Wege von der gesellschaftlichen Basis neu aushandeln
  • autoritäre Festlegung für dieses Beziehungsverhältnis, wie dies gegenwärtig in der Corona-Krise massiv der Fall ist, sind mit jeder Form von Demokratie fundamental unverträglich →  ebenso absolute, von allen gesellschaftlichen Beschränkungen befreite Freiheitsrechte von Individuen
  • dem Liberalismus liegt ein individualistischer und damit entpolitisierter Freiheitsbegriff zugrunde → Freiheit besteht in den staatlichen Rechtsgarantien, die eine Sicherheit im privaten Genuss gewährleisten
  • Corona-Krise: zu einem Teil wird nun die eigene, individuelle Freiheit gegen Einschränkungen verteidigt, z.B. die Ablehnung der Maskenpflicht →  sich durch die Maskenpflicht in seiner Würde verletzt fühlen und endlich wieder in Würde Shopping gehenwollen
  • die für die jeweils eigene Situation weniger konsum- und genussrelevanten massiven Einschränken von Freiheitsrechten der vergangenen Jahrzehnte löste keine vergleichbare Empörungswelle aus →  Sicherheits- und Überwachungsgesetze,  Ökonomisierung des Gesundheitswesens, Hartz IV oder der wachsende Sektor prekärer Arbeitsverhältnisse
  • durch den tief in den Köpfen — auch im sich kritisch fühlenden Milieu — verankerten extrem individualistischen Freiheitsbegriff wird also das Problem einer „Synthese zwischen individueller Freiheit und sozialer Verantwortung“ noch schwerer zu bewältigen sein, als es ohnehin immer schon war
 Realistische Utopien - inkompatibel
  • Macht über unser Denken und unsere Imagination ausüben →  definieren, welche politischen Veränderungswünsche „realistisch“ sind und welche utopisch
  • grundlegendere Änderungen  werden stets als utopisch diffamiert →  uns von den Fesseln dessen befreien, was die Mächtigen als „realistisch“ definieren, nämlich alles, was kompatibel mit ihren Machtinteressen ist
  • wieder ein gedankliches und affektives Potenzial für gesellschaftliche Utopien freisetzen →   Vorstellungen darüber, was eine menschenwürdige Gesellschaft ausmacht und in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen
Corona-Krise - kein gutes Ende
  • ob die Corona-Krise hier vielleicht einen emanzipatorischen Schub auslösen könnte, erscheint mir jedoch höchst zweifelhaft.
  • in der Corona-Krise verbinden sich  mehrere Krisen sehr unterschiedlicher Art →  die soziale Ungleichheit und die Umverteilung von unten nach oben und von Süd nach Nord wird noch einmal sehr viel größer werden, auch werden sich die Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse in der Wirtschaft beschleunigen
  • die Aussichten auf emanzipatorische Verbesserungen sind heute schlechter als je zuvor
    • die gigantische Asymmetrie der Machtverhältnisse
    • globalisiert immer abstrakter organisiert
    • einer sinnlichen Erfassung und auch jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entzogen
    • nahezu perfektionierte Techniken eines Dissens- und Empörungsmanagements 
Normalität - das eigentliche Problem
  • breite emanzipatorische Bewegungen, die einen wirksamen politischen Impetus entfalten könnten, sind gegenwärtig nicht in Sicht →  bloße Protestbewegungen sind häufig weitgehend apolitisch, bleiben in ihrer begriffslosen Empörung flüchtig und zerfallen rasch, wenn individualistische Bedürfnisse nach einer Rückkehr zur „Normalität“ erfüllt sind
  • die gegenwärtige Form eines Ausnahmezustandes ist schon seit Langem — wenn auch oftmals in einer weniger sinnlich-konkret erfassbaren Weise — Teil des Normalzustandes
  • die eigentlichen Probleme gerade in diesem Normalzustand liegen einer Lebensform, die sich längst mit massiven Freiheitseinschränkungen, mit kapitalistischer Ausbeutung oder mit der Zerstörung gesellschaftlicher und ökologischer Substanz konsumistisch versöhnt hat
  • gerade diese Normalität unserer Lebensweise ist also das eigentliche Problem →  der aus individualistischen Freiheitsbedürfnissen gespeiste Wunsch, in einer „Nach-Corona-Zeit“ endlich wieder zu dieser Normalität zurückkehren zu können, mag psychologisch verstehbar sein — er ist jedoch ein zutiefst anti-emanzipatorischer Wunsch.
  • Es wird also vermutlich noch schlimmer werden müssen, bevor begründbare Hoffnung besteht, dass es wieder besser werden kann. Aber vielleicht ist das zu pessimistisch gedacht, denn natürlich hängt letztlich alles von unserem Wollen und von unserer Entschlossenheit ab — denn wenn wir wirklich wollten, könnten wir auch.
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