Montag, 22. Juni 2020

Crash

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Christian Kreiß: Wo steht die Weltwirtschaft? Kommt ein Crash? Was können wir dagegen tun?

 Christian Kreiß (* 1962 in München) ist ein deutscher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Aalen. Seine Schwerpunkte sind Finanzierung und Wirtschaftspolitik. In seinen Sachbüchern kritisiert er die Prämissen der neoliberalen Wirtschaftstheorie und warnt vor ihren sozialpolitischen Folgen.

Im unserem tagtäglichen Wirtschaftsleben fließen ständig leistungslose Einkommen in Form von Dividenden, Mieten, Pachten und Zinsen von allen zu wenigen.
Das führt zu ständig steigender Ungleichverteilung, zurückbleibenden Masseneinkommen und krebsartig wachsenden (Finanz-) Investitionen.
Dadurch hat sich in den letzten etwa 40 Jahren weltweit ein Keil zwischen Angebot und Nachfrage gebildet, es entstanden große Überkapazitäten, die nun vor einer Bereinigung stehen, sei es in Form einer Finanzkrise, eines starken Wirtschaftsabschwungs oder gar Schlimmerem.
Unser Wirtschaftssystem ist also nicht nur ungerecht, sondern auch gefährlich. Hinter diesem System stehen nicht nur bestimmte politische Absichten, sondern auch noch tiefere Kräfte.

Wenn wir das erkennen, können wir es auch ändern.
Durch politische Maßnahmen wäre eine kommende schlimme Krise recht einfach zu vermeiden.
Langfristig stellt sich jedoch auch die Frage, was jeder Einzelne von uns tun kann, um dauerhaft zu einem nachhaltigen, gerechteren und vor allem menschlichen Wirtschaftssystem zu kommen.

Der Vortrag wurde am 20.02.2020 in Berlin aufgenommen.

Ich fange mal an, ihn zusammenzufassen:
1. Wo steht die Weltwirtschaft?
2. Unsichtbare Zahlungsströme:  wer zahlt an wen?
3. Hintergründe
4. Wege in eine menschliche Wirtschaft

1 Wo steht die Weltwirtschaft?

  • seit 1.11.2019: 20 Mrd. € Neudruck pro Monat. Was bedeutet das?
  • Notenbank hat auch seit der Finanz-Krise 2008 den Zins gesenkt auf 0 % (normal sind die Zinsen zwischen 2 und 4,5%) → das gab es noch nie in der europäischen Geschichte seit 200 Jahren
  • die Notenbank gibt das Geld für Null an die Banken → bei 1,4 % Inflation hat sie einen Verlust von 1,4 %
  • seit zehn Jahren ein negativer Realzins im ganzen Euroraum → ist historisch einzigartig, steht in keinem Lehrbuch
 
  • warum macht sie das? → normalerweise, um vor einem Abschwung (Rezension) zu schützen
  • es ist ein gigantisches Konjunktur-Ankurbelungsprogramm, wie wir es noch nie in der europäischen Geschichte gesehen haben, in USA ist es ähnlich
  • es gibt heute 4 bis 5 Mal so viele Euro-Scheine wie vor 12 Jahren, 5 Mal so viele $-Scheine etc. → eine Geldflut, wie es noch nie gab in der Geschichte
  • Wirtschaftskraft = Zahl der Güter, Dienstleistungen und Produkte um 10 bis 15 % gewachsen → dann müssen sich doch eigentlich auch die Preise verfünffachen (Inflation)
  • momentan aber Angst vor Deflation (sinkenden Preisen) → gibt es Grund zu der Sorge (Millionenheer von Arbeitslosen etc.)?
  • USA: seit der Finanzkrise haben sie den längsten Aufschwung ihrer Geschichte → noch nie ein so langes Wirtschaftswachstum am Stück, Dezember 2019 die niedrigste Arbeitslosenzahl seit 1969 (3%), trotzdem wird weiter Geld ausgeschüttet ohne Ende und die Zinsen werden gesenkt → als wenn es so schlecht sei, wie noch nie in der Geschichte: das ist einzigartig, gab es noch nie
  • China (16 % Anteil Welt-Wirtschaftskraft) haben durchgehenden Aufschwung
  • GB geht es ökonomisch total gut, auch längster Wirtschaftsaufschwung der Geschichte, seit dem Brexit noch besser, total niedrige Arbeitslosigkeit
  • Euro-Zone seit 2013 auch Wirtschaftsaufschwung → innerhalb große Unterschiede (Deutschland großer Aufschwung), also: kein Grund neues Geld zu drucken

2 Unsichtbare Zahlungsströme:  wer zahlt an wen?

  • in jedem Produktpreis sind zwei Kostenkomponenten: Kapital und Arbeitskraft
  • Kapital → ein Bauer muss z.B. zahlen für den Boden: Pacht oder Kredit (bei Kauf) oder bei eigenem Besitz: Eigenkapitalrendite (das Geld, was man kriegen würde, wenn man es verpachten würde, eine Art Zinsanteil)
  • Fachausdruck = Rente → ein leistungsloses Einkommen
  • Renteneinkommen im Jahr in Deutschland: 550 Mrd. €  (Bundesregierung hat 340 Mrd.) → Bodenrenten, Gewinne und Dividenden, Zinsen = ca. 1/3 vom Kaufpreis, eine Art Reichensteuer
  • alle zahlen ständig an die Reichen →  das fließt zu denen, denen das Eigentum gehört: der Boden, die Firmen, die Aktien etc.
  • die oberen 10 % in Deutschland haben 60 % des Vermögens, die untere Hälfte ungefähr 2 %

  • Häuserbeispiel: Familie 1 hat 4 Häuser und wohnt in einem, Familie 2 wohnte im eigenen Haus, Familie 3 bis 5 wohnen zur Miete bei Familie 1 → so ist ungefähr das Verhältnis in Deutschland 
  •  in D leben ca. 56 - 62 % zur Miete → für das Grundbedürfnis „Wohnen“ fließt ca. ¼ ihres Einkommens an die oberen 11-18 % 
  • im Laufe der Jahre kumuliert sich das → das Eigentum der Besitzenden wächst ständig an, sie kaufen immer noch mehr Eigentum
  • in D kontrollieren 0,02 % der Haushalte (7.700) über 50 % des Wirtschaftsvermögens
  • Zins und Zinseszins kann man nicht unendlich fortführen → gilt auch für Dividende und Pacht
  • in der Natur gibt es auch exponentielles Wachstum: z.B. Krebsgeschwüre oder Bazilleninfektionen → ab einer bestimmten kritischen Masse wird daraus eine Krankheit
  • wir glauben, wir könnten so eine exponentielle Wachstums-Funktion in der Wirtschaft haben und es geht alles gut
  • große Vermögen kommen zustande durch leistungslose Rendite → ein „guter“ Kapitalist ist ein Unternehmer, der etwas produziert = Unternehmerkapitalismus statt Rentenkapitalismus
  • Assets-under-management: fremdverwaltete Kapitalien: Geld wird angelegt und vermehrt sich → das sind riesige Beträge
  • in den ökonomischen Lehrbüchern wird nicht getrennt zwischen groß oder klein → Eigentum ist heilig und muss geschützt werden, aber es ist ein Riesenunterschied ob es um eine Zahnbürste geht oder ein Riesenvermögen
  • seit ca. 40 Jahren fließt immer mehr nach oben
  • 730 Eigentümer kontrollieren 80 % die Einnahmen der internationalen Konzerne  = 40 % der Weltwirtschaftskraft
  • reich werden kann man nur, indem man es von Angestellten oder Kunden wegnimmt → bei Daimler z.B. kriegt jeder Angestellte ca. ein Drittel vom Lohn abgezogen für die Aktienbesitzer
  • funktionsloses Investment  ist sinnlos → es gibt keinen Sinn im Kapitalismus
  • in D. haben wir € 550 Mrd leistungsloses Einkommen → das müsste zu den „leistungslosen Menschen“ (Alte, Kinder, Kranke etc.), die nicht arbeiten können (ungefähr die Hälfte in D), dann wäre der soziale Organismus gesund, das Geld würde wie das Blut im Körper zirkulieren
  • ein Drittel bis ein Viertel fließt aber auf die Konten der Reichen → das führt zu Krankheitsprozessen
  • die meisten Ökonomen sagen: die unsichtbare Hand macht das alles gut → jeder Einzelne soll Eigeninteressen vertreten, dann fördert die Marktwirtschaft die soziale Wohlfahrt und alles ist gut
  • Eigeninteresse als moderne Form der Nächstenliebe → alle Ethik wird aufgehoben: es gibt weder Egoismus noch Altruismus

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