Corona-Demos: Ein Blick auf die mentale Verfasstheit der Medien
MARCUS KLÖCKNER, 18. Mai 2020
Warum haben Medien ein Problem damit,
wenn Bürger gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren? Warum
qualifizieren Journalisten Demonstranten pauschal als
Verschwörungstheoretiker, Spinner oder Nazis ab? Ein Blick auf die
mentale Verfasstheit der Medien liefert die Gründe. Deutlich wird:
Wenn Leitmedien über die Demonstrationen berichten, sticht
missionarischer Eifer das journalistische Erkenntnisinteresse.
ZUSAMMENFASSUNG:
- unter Verdrehung der Realität, versuchen die Leitmedien das Aufbegehren der Bürger als perversen Akt eines falsch verstandenen Freiheitsverständnisses abzuqualifizieren → ihm wird per Leitartikel oder ARD-Kommentar quasi die politische Mündigkeit abgesprochen
- eine Kultur im Journalismus, die Diskussionen durch Diffamierung, Argumente durch Raunen und Meinungsaustausch durch Denkverbote ersetzt → missionarischer Eifer statt journalistisches Erkenntnisinteresse
- Spiegel TV: "Wut unterm Aluhut", 12. Mai:
- Stimme aus dem Off: "Viele Demonstranten tragen eine Aluminiumkugel um den Hals. Das neue Erkennungszeichen vermeintlich aufgeklärter Menschen."
- Frage der Reporterin an eine Demonstrantin: "Was soll das für eine Kette sein?"
- Demonstrantin: "Das ist die Querdenker-Bommel. Das heißt, dass ich wage, mein Gehirn einzuschalten und nicht alles zu glauben, was die Medien mir präsentieren. Einfach selber denken. Die Sachen zusammenzählen und sich ein gesundes Bild machen."
- Reporterin: "Wollen Sie sich da auch vor irgendetwas schützen, vor Strahlung oder so?"
- Demonstrantin: "Nein, ein Zeichen, das man denkt."
- warum ist diese Person „unaufgeklärt“? → an den Aussagen der Demonstrantin lässt sich nichts „Unaufgeklärtes“ feststellen: das kann jeder Sozialkundelehrer beim Thema Medien seinen Schülern mit auf den Weg geben
- die „journalistische“ Frage zu einer Art Detektor umfunktioniert, der auf der Suche nach dem Wahnsinn ist
Journalismus für das eigene Weltbild
- im Journalismus unserer Zeit geht es schon lange nicht mehr darum, so vorurteilsfrei wie möglich den Gegenstand der Berichterstattung zu betrachten → den Journalismus zum verlängerten Arm des eigenen Weltbildes zu machen
- SPIEGEL: Chefredakteur per Mail an Reporter: was sind die redaktionelle Erwartungen an sie bei der Ausarbeitung einer Reportage über die Grenze in Mexiko?:
"Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land. Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA. Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will. Die Figur für den zweiten Konflikt wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut. Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres." - Ist das eine journalistisch angemessene Anleitung für eine ergebnisoffene Reportage? → mit welchen redaktionellen Vorgaben und Gedankenbildern wird der Corona-Journalismus zu Felde ziehen?
- „neue Wutbürgern“, die sich als „lautstarke Minderheit aufführt" (Spiegel)
- „keine Macht den Rücksichtslosen“ (ZEIT)
- „Hitliste der Corona-Spinner“ (Yahoo Nachrichtenportal)
- „ein Brett vorm Kopf gehört nicht zu den Grundrechten“ (FAZ)
- baden-württembergischer Innenminister Thomas Strobel: auf den Demos befinde sich „teilweise ein unappetitliches Publikum“. (SWR)
- wie kommt es dazu, dass Journalisten und Politiker (mal wieder vereint) Gift und Galle spucken, wenn Bürger auf ihre Grundrechte auch in der Corona-Krise pochen?
Unterschiedliche Wahrnehmungen der
Realität
- ein grundlegendes Problem: seit Jahren schon schwelt ein Konflikt zwischen Teilen der Bürger und Teilen der Eliten → unterschiedliche Wahrnehmungen und Einordnungen der sozialen und politischen Realität
- natürlich gibt es unterschiedliche Lebenswelten, Lebensrealitäten, Schichten, Klassen, Milieus → Konflikte, wenn ein relatives Machtgleichgewicht der Gruppen nicht mehr gegeben ist
- in einer repräsentativen, parlamentarischen Demokratie gibt es stärkere und schwächere Gruppen → allerdings darf nicht eine Gruppe ihre Machtposition zu sehr zu ausbauen
- Politik und Medien müssen Machtverhältnisse ausbalancieren→ Bürger aus den unterschiedlichen Schichten müssen wahrgenommen und gehört werden
Ausschluss großer gesellschaftlicher
Gruppen
- normalerweise finden Debatten zwischen den divergierenden Gruppen einer demokratischen Gesellschaft statt→ die richtungsweisenden Diskurs-Arenen befinden sich innerhalb der Leitmedien
- Vertreter großer Medien wachen darüber, wer Zugang zu ihren Medien bekommt und wer nicht → das Publikum vor Meinungsunsinn, vor Pseudo-Experten und anderen für die öffentliche Meinung gefährlichen Akteuren schützen
- allerdings missbrauchen Medien in großer Zahl ihre Wächterfunktion → unter dem Deckmantel journalistischer Verantwortung ihre eigenen Weltbilder vor Irritationen abschirmen
Medien schüren soziale Konflikte
- wenn ein Großteil der Journalisten ähnlich sozialisiert ist, aus denselben Milieus stammt → nach und nach synchronisieren sich Ansichten und Vorstellungen von Wirklichkeit
- generell blicken Journalisten voller Argwohn auf Einschätzungen, die den ihren widersprechen → aufgrund ihrer eigenen sozialen Lage gehören sie grundsätzlich zu den Bewahrern der bestehenden Verhältnisse
- auch Parlamentarier vertreten im Wesentlichen nur noch die Interessen eines Teils der Bevölkerung → Parlament und Medien verschaffen nur noch jenen Stimmen Gehör, die in etwa mit jenen Ansichten übereinstimmen
- zwischen 25 und 30 % der Bürger haben sich bei Bundestagswahlen von der Demokratie bereits verabschiedet (Nichtwähler), 12 % der Wähler gaben bei der Bundestagswahl 2017 der AfD ihre Stimme, 9 % wählten die Linke, 5 % sonstige → die Integrationskraft „der Mitte“ ist stark geschwächt
Ignoriertes Grundrauschen
- die Demonstrationen in Stuttgart, Berlin, München, oder auch kleineren Städten wie Dingolfing, sind nur der sichtbarste Teil eines schweren, in vielerlei Hinsicht grundlegenden Dissens zwischen einer elitär ausgerichteten Politik und Teilen der Bevölkerung, die ihre Verärgerung auf „die da oben“ seit langem in sich trägt
- die nun von Journalisten und Politik angewandten Strategien zur Abwertung der Proteste zeigen → es geht Medien und Politik nicht um das, was sie vorgeben zu verteidigen: den demokratischen Diskurs
- unterschiedliche, auch fundamental voneinander abweichende Meinungen sofort ins Abseits drängen und mit Mitteln der sprachlichen Manipulation, der Propaganda und der Diffamierung zum Schweigen bringen → keine Demokratie
Medienrealität, die der Wirklichkeit
nicht standhält
- von Beginn an haben Journalisten mit den Mitteln der Manipulation und Propaganda die Corona-Demonstranten delegitimiert → rechte Gruppen und schräge Typen, die auf den Demonstrationen auszumachen sind, werden so massiv in den Vordergrund gerückt, dass ein verzerrtes Bild entsteht, auf Ressentiments anstelle von Fakten setzen
- Bürger haben Angst vor einer Impflicht weisen und auf massive ökonomische Interessen im Zusammenhang mit Impfungen hin
- sie betrachten das Wirken des Milliardärs Bill Gates kritischer als es etwa Ingo Zamperoni in seinem 9-minütigen Tagesthemen-Interview
- sie demonstrieren dagegen, wie mit Kindern nun neuerdings an Schulen umgesprungen wird
- sie haben ein Problem damit, dass gebärende Mütter, die gezwungen werden unter dem Corona-Wahnsinn Atemmasken zu tragen, ein Trauma erleiden
Demonstranten müssen draußen bleiben
- Politik-Talk „Illner“ (14.5.): „Pandemie und Protest – kann Corona das Land spalten?“ → keine Demonstranten eingeladen
- Anne Will: „Corona-Einschränkungen – waren und sind die Grundrechtseingriffe verhältnismäßig?“ → die Demonstrationen sind Gegenstand der Diskussion, wieder waren keine Personen aus dem Kreis der Demonstranten eingeladen
- der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault hat dieses Problem einer Debatte, in der unliebsame Stimmen einfach an den Rand gedrückt werden, bereits 1970 in seiner Vorlesung "Die Ordnung des Diskurses" angesprochen → die Ausgegrenzten können sich zwar äußern, aber eine Wirkung kann sich nicht entfalten, da ihre Äußerungen aufgrund ihrer Position im „Außen“ des Mediensystems abgewertet sind
Über den Autor: Marcus Klöckner,
studierte Soziologie, Medienwissenschaften und Amerikanistik. Er ist
Journalist und Autor. Zuletzt erschien sein Buch: „Sabotierte
Wirklichkeit – Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“. Als
Mitherausgeber initiierte er 2019 eine Neuausgabe des Klassikers der
herrschaftskritischen Soziologie „Die Machtelite“ von C. Wright
Mills.

