Dienstag, 7. April 2020

Jarren

https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/186723/1/jarren_corona.pdf

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Zeiten von Corona

Otfried Jarren
epd Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat seine Rolle in den Zeiten von Corona und dem anhaltenden Medien- wie Gesellschaftswandel noch nicht gefunden, meint der Medienwissenschaftler Otfried Jarren. Er kritisiert, dass vor allem das öffentlich-rechtliche Fernsehen seit Wochen die immer gleichen Experten und Politiker auftreten lässt und diese als Krisenmanager inszeniert. Den Journalisten wirft er vor, dass sie sich als Teil des Systems sehen und zu wenig hinterfragen, was entschieden wird. Im Fernsehen würden auch Medienerzählungen verbreitet und wiederholt, die nicht mit Bildern zu belegen seien.
Jarren war bis Ende 2018 Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und ist Präsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) in der Schweiz.

ZUSAMMENFASSUNG
  • Medienfreiheit ->  ist Thema, solange die Exekutive herrscht in dieser Pandemie
  • Dominanz einer einzigen Gewalt des demokratischen Staates -> in Ausnahmezeiten wohl unvermeidlich
  • erfordert von den Medien und vom Journalismus ein Höchstmaß an Achtsamkeit, Vorsicht, Zurückhaltung- und Distanz -> Gewährleistung der Ausnahmebedingungen einerseits und die der Presse- und Medienfreiheit andererseits
  • Medien und Journalismus müssen zuverlässig,unabhängig und relevant sein, es geht um:
    • Analyse, Kritik und Kontrolle
    • Aufklärung
    • die Prüfung von behaupteten Sachverhalten, Annahmen, Prämissen
    • die eigenständige Abschätzung der Folgen politischer Maßnahmen
  • Exekutiv- und Expertenvoten -> intensiv prüfen und diskutieren: je enger der Exekutiv-Experten-Kreis, desto mehr bedarf es des Einbezugs weiterer Expertiseträger, des Einholens von Zweit- und Drittmeinungen
Journalismus muss aufbrechen
  • der in den Medien auftretende Kreis der Experten ist klein -> am Anfang erklärlich (rasch handeln), dann muss man aber den Kreis schnell und systematisch erweitern
  • Handlungssysteme jeglicher Art neigen zur Schließung (zur Ignoranz) -> sie werden lernunfähig - und die Akteure lernunwillig
  • Systeme haben kein Autokorrekturprogramm -> die nötigen Irritationen müssen von Außen kommen: Medien, Journalismus
  • der Journalismus muss aufbrechen - und nicht neue (Fernseh-)Stars aufbauen
  • Journalismus muss eigenständig operieren -> diese Eigenständigkeit ist im Interesse der Gesellschaft
  • das Auftretenlassen von Regierenden und Experten -> hat insbesondere der Fernsehjournalismus zu gestalten
  • der Journalismus sollte in der Gesellschaft sein, Präsenz zeigen, Öffentlichkeit sichtbar herstellen ->  das zumal in einer Situation, in der die Gesellschaft von der Exekutive in ihrer Freizügigkeit beschränkt wird
  • die Einschränkung auf Gruppengrößen mag medizinisch berechtigt sein ->  ist aber demokratiepolitisch ein Problem: Formen der mitlaufenden, der beiläufigen zivilgesellschaftlichen Mit-Kontrolle in der Gesellschaft werden verunmöglicht
  • was parlamentarisch allein an einem Tag beschlossen wird, auf Antrag der Exekutive, das ist erheblich ->  Zeit für Beratung und Debatte fehlt
  • die Diskussion über exekutive Entscheidungen, über getroffene Maßnahmen und deren Folgen, wird kommen -> sie kommt, weil es sich bei der Pandemie um einen natürlichen Vorgang handelt
  • das Virus muss sich verbreiten können, es muss in das menschliche Immunsystem integriert werden ->  das ist ein natürlicher und unausweichlicher Vorgang, er kann nicht rechtlich ,politisch und nicht einmal militärisch beeinflusst werden
  • es kann allenfalls der Prozessverlauf verlangsamt werden ->  das hat vielfältige kulturelle, soziale wie ökonomische Auswirkungen, hat große Nebenwirkungen, die eigenständige Krisen auslösen können
Der Verweis auf andere
  • Wie lange soll der politisch definierte Corona-Krisenstatus gelten?
  • die Exekutive weiß um ihre begrenzten Möglichkeiten ->  sie deutet dies derzeit aber nur an, weil sie nicht verunsichernd wirken will. 
  • sie arbeitet gerne mit Verweisen auf andere: andere Länder, Experten, erwartbare Impfstoffe, erhoffte Therapien, auf den Faktor Zeit
  • es kann weder die Frage nach dem Ende der Pandemie noch nach einem Endpunkt des etablierten Krisenregimes beantwortet werden
  • zwei Devisen: Zuwarten und mal schauen, was andere so tun -> zuwarten geht, aber die Verweiskommunikation ist nicht belastbar
  • das Motto ist: Wenn alle das gleiche tun, so fühlt man sich sicherer
  • politisch kommt man einem Virus nicht bei ->  aber es stellen sich Fragen, ob und wie die Nebenwirkungen aufgrund politischer Entscheidungen bewältigt werden
Das Fernsehen macht die Krisenmanager
  • politische Versprechungen werden zu einem Problem für das gesamtpolitische System, wenn kommunikativ nicht stufen-gerecht agiert wurde ->  es wird  nicht zwischen fachlichen, verwaltungstechnischen und politischen Aussagen differenziert 
  • das Fernsehen macht die Krisenmanager jeden Abend aufs Neue -> schraubt die Lösungserwartungen hoch, stachelt zum kommunikativen Wettbewerb 
  • in Italien, in Spanien,in Frankreich wie in Deutschland sind die politischen Mehrheits- und somit Regierungsverhältnisse unsicher, teilweise sind die Regierungen schwach abgestützt ->  auch deshalb wird auf die Karte Krise gesetzt, Entschlossenheit im Kampf gegen den Feind inszeniert, um Wahlen zu gewinnen
  • die Pandemie wird sogar zum Krieg stilisiert oder als Kampf bezeichnet -> es wird Rettung versprochen, so mit der großen Geldkanone
  • vor allem sollen andere Regeln gelten ->  es geht um Deutungsmacht, Führungsanspruch, um die zukünftigen Machtpositionen
  • in diesem Referenzraum bewegt sich die aktuelle Krisenberichterstattung, ohne dies zu reflektieren
Journalisten als Experten
  • Das Fernsehen als eilfertiges, omnipräsentes öffentliches "Systemmedium" ->  ohne sichere Kenntnisse über das, was in China wirklich Sache ist  und unter Verbreitung der immer gleichen Bilder: Wiederholungen, immer wieder Wiederholungen unter Bezug auf die immer gleichen Expertinnen und Experten
  • "Systemjournalismus" -> Exekutive,Experten und Journalistenkollegen als Eigenexperten unter sich
  • Referenz des Journalismus: China, einige asiatische Beispiele, und Italien, ein wenig auch Spanien, gelegentliche Verweise auf andere Länder, doch: Vertiefungen? -> er verweist immer wieder auf die gleichen Beispiele, die Erzählenden und die Erzählungen gleichen sich so immer mehr an
  • das erzeugt ein geschlossenes Kommunikationssystem ->Störungen und Störer werden rasch identifiziert und benannt: Die sitzen alle im Netz, vor denen wird gewarnt, in großer Eintracht
  • die öffentlichen Medien stützen sich nicht nur immer auf die gleichen wissenschaftlichen Expertinnen und Experten, sondern auch die Exekutive argumentiert mit Experten und stützt sich auf diesen Kreis -> schlimmer noch: sie begründet das, was sie unterlässt wie tut, mit wissenschaftlichen Positionen
  • vor dem Hintergrund der Tiefe der Maßnahmen bedarf es hier deutlich mehr Transparenz
  • selbst Dienststellen der Exekutive, so die besagten Bundesinstitute, kommen im Eifer des Gefechts in den Medien als unabhängige wissenschaftliche Expertiseträger vor
Besondere Form der Hofberichterstattung
  • tagtäglich das gleiche Spiel: sogleich nach den Nachrichtensendungen wird nach dem immer gleichen Schema weitergesendet  -> Statements, aber keine Debatte zwischen Expertinnen und Experten
  • Was erzählt uns das Fernsehen? Diese Narrative werden anscheinend in Redaktionen nicht validiert. Im Ergebnis: Die Chefredaktionen haben abgedankt. Die für Talksendungen und Unterhaltung zuständigen Perso-nen haben eine einfache Programmplanung: Corona.
  • die Inszenierung von Bedrohung und exekutiverMacht dominiert  -> es fehlen alle Unterscheidungen, die zu treffen und nachden zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf? Was soll in welchem Formatwem vermittelt werden? 
Medienerzählungen
  • andere Unterscheidungen wären noch wichtiger: Wo haben wir es mit Verwaltungshandeln zu tun und wo mit politischem Handeln? -> zwischen Verwaltung und Politik gibt es einen erheblichen Unterschied, auch was die Kommunikation angeht (Bindung an das Recht), Gewaltenteilung und Kompetenzfragen werden unsichtbar gemacht 
  • aus Not heraus, weil sich ja dann tagtäglich doch wenig tut, muss sich die ARD sogar selbst inszenieren: sie schaffte es am vergangenen Freitag, eine im Homeoffice befindliche NDR-Journalistin über ihren Homeoffice-Alltag berichten zu lassen
  • es gibt aber nicht nur Inszenierungs-Dilemmata: Wenn nun an jedem Tag festgestellt wird, dass in einem Bundesland die Gruppengröße bei drei, aber in einem anderen Bundesland bei fünf Personen liegt -> da muss man die Ministerpräsidenten auftreten lassen. Die müssen diese Unterschiede begründen. Und dann wird von Journalisten politisch gemahnt: bitte alles schneller, bitte alles einheitlicher. Ja, der Journalismus in den öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten will den Zentralstaat. 
  • der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist keine "kritische Infrastruktur" -> wäre er es, würde er von staatlicher Seite eingehegt und bewacht werden müssen
  • der öffentliche Rundfunk ist eine unabhängige gesellschaftliche Institution -> Unabhängigkeit und Kompetenz sind entscheidende Faktoren, wenn er nach diesen turbulenten Phasen als relevant erachtet werden möchte. Er hat das Potenzial, dies nun zu zeigen.