Freitag, 17. April 2020

Italien

Heute in der SZ ein Artikel über Italien (gekürzt):

Eine Kette tödlicher Fehlentscheidungen

Keine italienische Region leidet so unter Corona wie die reiche Lombardei. Das hat mir der jahrelangen Entkernung des Gesundheitswesens zu tun
  Keine Region im Land wurde vom Virus härter getroffen als die Lombardei. Die Lombardei beklagt nun die Hälfte aller Todesfälle in Italien, mehr als 11 000, und der Verdacht ist groß, dass die Dunkelziffer viel höher liegt. Addiert man alle Todesfälle, die die Einwohnerämter der Gemeinden in der Provinz Bergamo seit Beginn des Jahres registriert haben, kommt man auf eine Zahl, die vier Mal so hoch ist wie in normalen Jahren. Wie viele dieser Menschen starben an Covid-19? Noch hält man sich an die offiziellen Statistiken.
  Als nun die Epidemie „wie ein Tsunami“ über die Region kam, wie es Giulio Gallera, der Verantwortliche des lombardischen Gesundheitswesens, neulich nannte, war in den Krankenhäusern bald kein Platz mehr. Und das war keine Überraschung. In Italien obliegt die Kompetenz im Gesundheitswesen den Regionen, es ist dies eine ihrer wichtigsten Domänen. In der Lombardei regierte in den vergangenen zwanzig Jahren durchweg die Rechte. Zunächst gab die bürgerliche Rechte von Silvio Berlusconis Forza Italia den Ton an, neuerdings ist es die rechtspopulistische Lega. Die Rechte brüstet sich damit, dass sie die Region zu einem Modell von Effizienz entwickelt habe. Das Private wurde gefördert, das Öffentliche vernachlässigt. Wenn es in der Lombardei im entscheidenden Moment dramatisch an Intensivbetten mangelte, lag das vor allem an dieser Entkernung. Man gelangte an Kapazitätsgrenzen.
  Die Regionalregierung beschloss deshalb am 8. März, Patienten mit leichten Symptomen in die Altenheime zu verlegen, um die Kliniken zu entlasten. Es war ein fataler Beschluss. Für die Heime gab es auch einen finanziellen Anreiz: Für jeden Covid-19-Patienten, den sie aufnahmen, erhielten sie 150 Euro am Tag. 15 machten mit – welche genau, weiß man nicht. Die Patienten sollten von den betagten Menschen aus der Hochrisikogruppe getrennt werden, doch Kontrollen gab es offenbar keine. Die Altenheime entwickelten sich so zu Infektionsherden.
  Allein das Pio Albergo Trivulzio, das als Verteilzentrale für die ganze Region fungierte, meldete zwischen dem 1. März und dem 11. April 191 Todesfälle. Offiziell. Särge in großer Zahl standen tagelang in der Kapelle des Heims. Obwohl die Verbreitung des Virus schon lange bekannt war, arbeitete das Personal bis zum 23. März ohne Schutzanzüge und Masken. Die Angestellten drohten mit Streik, dann erst wurde Material verteilt. Angehörige klagten in Mails, sie wüssten seit Wochen nichts von ihren betagten Verwandten. Die Guardia di Finanza durchsuchte jetzt auch die Büros des Pio Albergo Trivulzio – 16 Stunden lang.