Empörung über Boris Palmer
Stuttgart – Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen in Baden-Württemberg, Mitglied der Grünen und ehrenamtlicher Politikkommentator (Foto: dpa), steht wegen eines Interviews in der Kritik. Im Frühstücksfernsehen von Sat 1 äußerte er sich am Dienstag mit einer problematischen Zuspitzung über die Anstrengungen zur Eindämmung des Coronavirus: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung.“ Er plädierte außerdem erneut dafür, die Beschränkungen für Wirtschaft und Gesellschaft zu lockern und „zwei getrennte Sphären“ zu schaffen, damit sich junge Menschen wieder frei bewegen können.Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warf Palmer vor, Millionen alten und kranken Menschen Angst zu machen, dass ihnen notwendige Therapien vorenthalten werden sollten. Palmer betätige sich damit als „Brandstifter“. In Baden-Württemberg distanzierten sich die Grünen-Landesvorsitzenden Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand nachdrücklich: „Boris Palmer spricht nicht für die Grünen“, stellten sie klar. „Mit seinen kalkulierten Ausrutschern und inszenierten Tabubrüchen beteiligt er sich an einer Polarisierung und Brutalisierung der öffentlichen Debatte.“
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Angela Merkel (CDU), stünden dagegen für einen Kurs, der wissenschaftsbasiert und dem Allgemeinwohl verpflichtet sei
Angesichts der Kritik entschuldigte sich Palmer am Abend schließlich für seine Wortwahl. „Niemals würde ich älteren oder kranken Menschen das Recht zu leben absprechen“, versicherte er. Falls er sich „da missverständlich oder forsch ausgedrückt“ habe, tue es ihm leid.
DPA, HENZ
Da sieht man, wie die Propagandamaschine funktioniert: eine bestimmte Meinung zu den Maßnahmen wird genannt " kalkulierter Ausrutscher, inszenierter Tabubruch, Polarisierung und Brutalisierung der öffentlichen Debatte".
Das ist nicht nur scheinheilig, sondern das ist in meinen Augen die Brutalisierung und Polarisierung der Debatte, die sie - DIE GRÜNEN - selbst beklagen. Jemand spricht über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, die - in meinen Augen - absurd ist, vollkommen irrational und ins Maßlose entgleist. Er drückte sich blöd aus, aber egal, das muss doch möglich sein, so eine Meinung zu haben. Nein, ist es nicht.
Ich denke, inhaltlich hat er einfach Recht. Wenn es wirklich um Menschenleben ginge in der Politik, dann hätten wir ein Tempolimit und ein extremes Feinstaubprogramm etc. etc. Alte Menschen in einem bestimmten Zustand sterben früher oder später, das ist normal. Es ist absurd, deswegen die Welt anzuhalten. Es ist absurd, sie an Beatmungsmaschinen zu zwingen. Es ist absurd, was gerade passiert.
Ich muss es nochmal wiederholen, weil es so pervers ist:
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Angela Merkel (CDU), stünden dagegen für einen Kurs, der wissenschaftsbasiert und dem Allgemeinwohl verpflichtet sei.
Am 30.4. dazu die SZ, Jan Heidtmann:
Vor allen Dingen aber muss eine offene Debatte über den Umgang mit der nächsten Pandemie geführt werden – sei es durch die befürchtete zweite Welle oder ein neuartiges Virus. Stattdessen arbeiten sich Politiker aller Parteien an den Äußerungen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer ab. Der hatte in einer tatsächlich sehr verächtlichen Diktion das extrem zugespitzt, was auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und die Theologin Margot Käßmann gesagt haben: Wir müssen darüber sprechen, ob es richtig ist, jedes akut bedrohte Leben zu retten – koste es die Gesellschaft, was es wolle. Es ist eine hässliche, und vor allem eine äußerst schwierige Debatte. Aber sie ist notwendig. Die Reflexe jedoch sind die üblichen: Boris Palmer wird verdammt, die Diskussion dahinter aber bleibt liegen. Das ist zu billig.
Die Überschätzung des tatsächlichen Anstiegs der Coronavirus-Neuinfektionen
FazitIch möchte an dieser Stelle noch einmal das Fazit meines vorherigen Beitrags wiederholen: Praktisch alle der ergriffenen drastischen Maßnahmen werden damit begründet, dass dadurch ein Anstieg in den täglichen Neuinfektionen verhindert werden soll, um einer angeblichen exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken. Allerdings zeigen genauere Analysen dieser Zahlen, dass der dort beobachtete rasante Anstieg Anfang März in Wirklichkeit in großen Teilen nur die schnelle Erhöhung der Testanzahl widerspiegelt. Wie sowohl eine statistische Kontrolle der Zahlen um die Erhöhung der Testanzahl als auch die Häufigkeit des Coronavirus in den Proben aus der Influenza-Überwachung nahelegen, gab es in Wirklichkeit keine exponentielle Ausbreitung des Coronavirus.
→ eine exponentielle Ausbreitung des Virus im März kann statistisch nicht belegt werden
Zudem zeigt die Kontrolle um die Erhöhung der Testanzahl, dass ein Rückgang bereits bis zu zwei Wochen früher stattgefunden hat, als die berichteten Zahlen zu den Neuinfektionen den Anschein erwecken. Da diese Zahlen zudem zusätzlich dem tatsächlichen Infektionszeitpunkt um 12-14 Tage hinterherhinken, legt dies nahe, dass ein Rückgang in den Neuinfektionen womöglich bereits seit der ersten oder zweiten Märzwoche zu beobachten ist.
→ weil die Meldung der Zahlen bis zu vier Wochen der Realität hinterherhinkten, kann der Rückgang der Neuinfektionen ab der ersten Märzwoche begonnen haben
Vermutlich kann demnach zumindest keine der ergriffeneren drastischeren Maßnahmen wie die Schließung der Schulen und Kindertagesstätten (16. März) oder das umfangreche bundesweite Kontaktverbot (23. März) den Rückgang in den Neuinfektionen erklären. Wie in meinem vorherigen Beitrag gezeigt, zeichnet sich in Deutschland auch keine Überlastung der Intensivstationen oder eine höhere Anzahl an Sterbefällen im Vergleich zu den Vorjahren ab, so dass auch damit keine der Maßnahmen gerechtfertigt werden kann.
→ die radikalen Maßnahmen ab 16.3. hatten keine erkennbare Wirkung
Das aktuelle Schüren der Angst vor einer zweiten Infektionswelle mit einem erneuten exponentiellen Anstieg der Coronavirus-Infektionen, die aktuell von Seiten vieler Experten wie beispielsweise Christian Drosten von der Charité erfolgt, erscheint damit ein unrealistisches Szenario zu sein, da der beobachtete schnelle Anstieg in den Neuinfektionen Anfang März offenbar nur ein künstlicher Effekt der damaligen schnellen Erhöhung der Testanzahl war. Es erscheint äußerst wichtig, diese Punkte endlich in der Öffentlichkeit richtigzustellen, um Menschen ihre womöglich unnötigen großen Ängste zu nehmen und die extremen negativen Nebenwirkungen der wahrscheinlich nicht mehr notwendigen drastischen Eingriffe in unsere Grundrechte zu beseitigen.
→ das Schüren der Angst vor einer zweiten Welle ist unsinnig
Eine Abschlussbemerkung
Ich möchte abschließend noch einmal darstellen, warum ich mit einem solchen Beitrag an die Öffentlichkeit gehe. Als Psychologe weiß man um die möglichen extremen Nebenwirkungen der ergriffenen drastischen Maßnahmen. Ich möchte das kurz noch einmal anhand des Beispiels aus meinem vorherigen Beitrags illustrieren:
Es gibt große Studien dazu, wie viele zusätzliche Suizide die Weltfinanzkrise von 2008-2010 - welche von der drohenden Wirtschaftskrise laut Fachexperten um Welten übertroffen werden wird - mit sich gebracht hat: Allein in den USA, Canada und Europa (andere ärmere Länder nicht mitgerechnet, die von unserer Kaufkraft abhängen und womöglich entsprechend ebenfalls leiden werden) waren das 10.000 zusätzliche Suizide in den Jahren 2008-2010. Wenn man sich klarmacht, dass hinter jedem Suizid viele weitere Menschen stehen, die ähnlich belastet sind, aber keinen Suizid begehen, wird deutlich, wie viel Leid die getroffenen Maßnahmen mit sich bringen können.
→ Finanzkrise 2008 bis 2010: zusätzlich 10.000 Selbstmorde in USA, Kanada und Europa
Hier ist wichtig zu erwähnen, dass solche Suizidraten in Reaktion auf wirtschaftliche Krisen kein Automatismus sind und man hier Gegenmaßnahmen ergreifen kann. Aber wenn man die Vergangenheit als Heuristik nimmt, was womöglich in Zukunft passieren könnte - denn auch damals hat man ja versucht Gegenmaßnahmen zu ergreifen - ist mit äußerst drastischen Nebenwirkungen zu rechnen.
Wenn man dann als ein in Forschungsmethoden erfahrener Wissenschaftler bemerkt, dass womöglich die den ergriffenen Maßnahmen zugrundeliegende wissenschaftliche Basis Probleme aufweist, sucht man normalerweise nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Stattdessen versucht man Kontakt mit den entsprechenden Fachexperten aufzunehmen, um auf diese möglichen Probleme hinzuweisen. Seit Anfang April habe ich mehreren Virologen mehrmals Emails geschrieben, in denen ich sowohl auf das Problem der Erhöhung der Testanzahl als auch auf die Befunde zu den Proben im Rahmen der Influenza-Überwachung hingewiesen habe. Leider habe ich bis heute keine Antwort auf meine Fragen erhalten, was aber bei der aktuellen Arbeitsbelastung dieser Personen absolut verstehbar ist. In einer solchen Situation bleibt einem aber dann nur der Weg an die Öffentlichkeit.
Das Problem ist, dass man dann oft sehr schnell als "Verschwörungstheoretiker" abgetan wird, was manche dazu verleitet, nicht die Öffentlichkeit zu suchen. In diesem Falle ist es allerdings einfach so: Alle berichteten Analysen basieren auf den offiziellen Zahlen, und jede Person kann das einfach selber nachprüfen und die Dinge entsprechend für sich durchdenken.
Noch ein abschließender Satz: Es geht hier in keinster Weise darum, das Leid betroffener Menschen zu verharmlosen. Hier muss es das höchste Ziel einer jeden Gesellschaft sein, diesen Menschen bestmöglich zu helfen. Es geht hier darum, das von vielen angenommene Szenario einer epidemischen Ausbreitung des Coronavirus mit mehreren Millionen von Infizierten zu hinterfragen. Denn sollte dieses Szenario in Wirklichkeit gar nicht drohen, würden viele Menschen ohne wirklichen Grund so große Ängste erleben, und man würde ohne wirklichen Grund Maßnahmen ergreifen, deren womöglich dramatische negative Nebenwirkungen noch gar nicht abgeschätzt werden können.
Prof. Dr. Christof Kuhbandner, Fakultät für Humanwissenschaften, Universität Regensburg
