Donnerstag, 30. April 2020

Spitzenforschung

http://www.rolf-kron.de/

"Ungewöhnlich einträchtig präsentiert sich die deutsche Spitzenforschung in einem Strategie-Papier zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie." (SZ vom 30.04.2020), "um gemeinsam zur Datenlage Stellung zu nehmen"... .

Wie ist die Datenlage? Mit einem Wort: katastrophal.
Zwei Monate nach dem Übergreifen dieser Pandemie auf Deutschland gibt es keinerlei wissenschaftlich fundierten, repräsentativen Daten:
  • zu Häufigkeit einer COVID-19-Infektion in der Bevölkerung (Prävalenz)
  • zum zeitlichen Verlauf der Erkrankung (Inzidenz - Neuinfektionen pro Tag/Woche/Monat)
  • zur Häufigkeit schwerer Verlaufsformen oder Komplikationen bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten
  • zur Häufigkeit von Todesfällen bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten
  • zu der Häufigkeit, mit der verschiedene Altersgruppen von der Infektion (!) betroffen sind.
Deutsche Spitzenforscher und Behördenvertreter gefallen sich seit Wochen darin, aus den Zahlen völlig unsystematisch erhobener Testergebnisse (getestet wird, wer sich selber testen lassen möchte und die Möglichkeit dazu hat oder wen seine Hausärztin/sein Hausarzt zum Testen schickt) mit gewichtiger Miene und hochgradig medienwirksam hochwissenschaftlich klingende Kenngrößen herauszuraten... Reproduktionszahl... infection fatality ratio... Verdopplungszeit... und noch drakonischere Maßnahmen gegen eine Pandemie zu fordern, die sie nicht einmal wissenschaftlich korrekt beschreiben können.
Und genau daran krankt auch das Papier der deutschen Spitzenforscher: man kann zwar eine "Reproduktionszahl" aus den Daten konstruieren und kann - und darauf legt diese Veröffentlichung ja großen Wert - sich bestätigt fühlen, wenn verschiedene Konstruktionsverfahren zu ähnlichen Ergebnissen führen... wenn aber die Datengrundlage dazu nicht geeignet ist, ist das Ergebnis trotzdem: wissenschaftlicher Müll - GIGO, wie es in der Informatik heißt: garbage in - garbage out.
So zieht sich das institutionelle Versagen vom Gesundheitsministerium (Stichwort: Schutzausrüstung) über die Auguren des RKI (s.o.) bis hin in die deutsche "Spitzenforschung": wer wenn nicht z.B. das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (!) sollte denn die oben aufgelisteten, so dringlich nötigen Daten liefern?
Es scheint, dass zu den bedrohlichsten Nebenwirkungen von COVID-19 eine so bisher kaum bekannte wissenschaftliche Agnosie gehört, deren Aufarbeitung neben so vielem anderen zu den Aufräumarbeiten nach dem Überstehen der Pandemie gehören wird.
Diese Form epidemiologischer Hieroskopie wäre schon jetzt ein wissenschaftlicher running gag - hinge nicht so Vieles und so Entscheidendes von der "Expertise" dieser Professors ab...