Samstag, 25. April 2020

Immer wieder Schweden

«Die Unterschiede werden klein sein»

Schweden verblüfft die Welt. Statt auf Lockdown setzt Stockholm auf Eigenverantwortung. Man werde nicht mehr Corona-Tote beklagen als anderswo, ist Epidemiologe und Regierungsberater Johan Giesecke überzeugt. Aber die Wirtschaft bleibe von massiven Schäden verschont.
22.04.2020
Von Urs Gehriger

Die Welt kriegt den Mund nicht zu vor Staunen, wenn Bilder aus Schweden über den Bildschirm flimmern. Wo anderswo gähnende Leere herrscht, flanieren dort Menschen unter Kirschblütenbäumen. In den Kneipen wird getafelt und gebechert. Die Behörden empfehlen, zu Hause zu bleiben, aber es gibt keine Kontrollen. Ansammlungen von bis zu fünfzig Leuten sind erlaubt, Geschäfte, Grund- und Mittelschulen bleiben geöffnet.

Schweden habe sich bereits im Januar entschieden, «dass die Massnahmen, die wir gegen die Pandemie ergreifen, auf gesicherten wissenschaftlichen Beweisen basieren sollten», sagt Professor Johan Giesecke. Er zählt weltweit zu den führenden Epidemiologen und berät die Regierung in Stockholm und den Staatsepidemiologen Anders Tegnell in der Corona-Krise. «Wir wissen seit 150 Jahren, dass Händewaschen bei der Eindämmung einer Epidemie hilft.» Für die meisten anderen Massnahmen der übrigen Länder wie Grenzschliessungen, Schulschliessungen oder Social Distancing gebe es hingegen fast keine wissenschaftlichen Belege, dass sie etwas nützten, so Giesecke im Interview mit Unherd.com, einem Newsportal, das sich Reportagen gegen den Mainstream verschrieben hat.*

Schweden verzeichnete Anfang Woche 1765 Corona-Tote. Eine verhältnismässig hohe Zahl, verglichen mit den skandinavischen Nachbarländern. Doch Giesecke gibt sich überzeugt, dass Schweden letztlich nicht schlechter dastehen wird als der Rest der Welt. «Die Unterschiede zwischen den Ländern werden ziemlich klein sein.»

Trotz drakonischer Massnahmen würden andere Staaten nicht substanziell mehr Leben retten. Der einzige Unterschied seien die wirtschaftlichen Folgen, die in Schweden massiv milder ausfielen als anderswo. Giesecke vergleicht Covid-19 mit einem «Tsunami einer gewöhnlich ziemlich milden Krankheit, die über Europa hinwegzieht». Mit «ziemlich mild» meint er, dass «die meisten Leute, die sie bekommen, kaum bemerken, dass sie krank sind».

Er ist überzeugt, dass die effektive Sterberate «viel, viel tiefer» liege als bisher in Medien und Wissenschaftskreisen diskutiert. Sie liege auf dem Niveau einer «ernsten Grippesaison», bei «ungefähr 0,1 Prozent». Die hohen Sterblichkeitsraten rührten daher, dass man von viel zu tiefen Infektionszahlen ausgehe. In Schweden und anderswo sei «ein substanzieller Teil der Gesellschaft bereits mit dem Virus infiziert», da sei er sich sicher, der werde aber in den Berechnungen nicht einkalkuliert.

Giesecke spricht in unaufgeregt-nüchternem Ton. Die richtige Politik sei es, nur die Alten und Gebrechlichen zu schützen. Nach der hohen Sterberate in Schweden gefragt, erklärt er, in seinem Land würden aufgrund der lockereren Massnahmen einige ältere und besonders gefährdete Menschen früher aus dem Leben scheiden, die anderswo etwas später auch sterben würden. «Ihr Leben wird um einige Monate verkürzt», so der Schwede. Die Staaten mit rigorosen Sicherheitsmassnahmen könnten letztlich aber nicht mehr Leben retten. «Wenn man dort mit der Exit-Strategie beginnt, wird man Tote verzeichnen, die wir bereits gehabt haben.»

In der vielbeschworenen Exit-Strategie, vor der nun die meisten Länder stehen, sieht Giesecke eine heikle Herausforderung voller Risiken. Man müsse dosiert mit einzelnen Lockerungen beginnen. «Wenn man zum Beispiel die Schulen wieder öffnet und die Todeszahlen wieder steigen, muss man wieder zurückbuchstabieren und eine andere Lockerung ausprobieren», sagt Giesecke. «Eine wachsende Zahl an Todesfällen wird Teil einer solchen Exit-Strategie sein.»

 Im europaweiten Shutdown sieht Giesecke eine fehlgeleitete Politik, die mehr schade als nütze. «Als ich zum ersten Mal von den drakonischen Massnahmen hörte, fragte ich mich: ‹Hat einer der starken, entschlossenen Politiker je einen Gedanken daran verschwendet, wie wir da wieder rauskommen?›» Mit Verweis auf diktatorische Trends in Osteuropa sagt er: «Die Auswirkungen können riesig sein, wir haben noch nicht einmal begonnen, sie zu sehen.»

Für die grosse Unsicherheit in der Bevölkerung, die seit Beginn der Pandemie um sich greift, zeigt Giesecke Verständnis. «Es ist eine neue Krankheit, viele Menschen sterben, man weiss nicht genau, was passieren wird. Und die Furcht vor Ansteckung ist in den Menschen fast genetisch verankert.» Weniger Nachsicht hat er mit auftrumpfenden Politikern. Mit der Krise sähen sich politische Entscheidungsträger aufgefordert, «Stärke, Entschlossenheit, Macht zu zeigen». China habe mit seinen rigorosen Massnahmen den Ton angegeben. «Aber wir können uns nicht mit China vergleichen, das ist eine andere Welt.» Dort könne man Menschen in ihren Häusern einschweissen. Aber in einer Demokratie gehe das nicht. Nach drei, vier Wochen sagten die Leute: «Ich kenne niemanden, der Covid hatte, und ich will raus, ich will in die Kneipe.»

Giesecke rechnet damit, dass Schweden in ein paar Monaten wieder zur Normalität zurückkehren kann. Mit durchschnittlich nicht mehr Toten als sonst wo, aber mit einer Wirtschaft, die deutlich weniger Schaden erlitten hat als in den meisten anderen vom Coronavirus betroffenen Ländern.

* Das Gespräch wurde von UnHerd.com geführt. Das Videointerview in voller Länge auf www.weltwoche.ch/Dokumente


Der Spuk muss ein Ende haben

Ist der Shutdown der teuerste Fehlschlag aller Zeiten? Indizien mehren sich.
24.04.2020 Von Roger Köppel

Kann es sein, dass der bundesrätliche Corona-Kurs ein tragischer Irrweg ist? Das Resultat einer medial-epidemiologisch befeuerten Politpanik, die Milliarden an Volksvermögen vernichtet und künftige Generationen auf Jahrzehnte hinaus belastet? Wird der Corona-Frühling 2020 in die Geschichte eingehen als massenpsychologisches Hysteriephänomen, das mehr Existenzen ruiniert als die Krankheit, die allerdings ganzen Gesellschaften und ihren Regierungen vorübergehend den Verstand raubte?

Die Zahlen lassen diesen Schluss zumindest nicht als vollkommen abwegig erscheinen. Schauen wir auf die Schweiz. Die Katastrophe ist ausgeblieben. Die Horrorszenarien traten nicht ein. Noch im Februar jonglierten Forscher wie Adriano Aguzzi vom Universitätsspital Zürich mit Worst-Case-Modellen von mittelfristig bis zu 60.000 Corona-Toten. Richard Neher von der Universität Basel drohte mit 100.000 Opfern. Werden sich diese Wissenschaftler jemals für ihre Angstmacher-Diagnosen verantworten müssen?

Nichts von dem, was befürchtet und in Aussicht gestellt wurde, trat ein. Die Spitäler stießen nicht an ihre Grenzen. Die Ansteckungskurven flachen seit Wochen ab. Nicht einmal in den Altersheimen kam es zum Ernstfall. Aus dem Tessin berichten Betreiber von tieferen Sterblichkeitsraten als in früheren Jahren. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich meldet, dass es selbst dort, wo Risikogruppen vom Virus befallen wurden, viele milde Verläufe zum Teil ohne Symptome gab. Zahlreiche Intensivstationen stehen leer.

Noch immer herrscht Verwirrung über grundlegende Daten. Ob jemand mit oder an Coronaviren gestorben ist, weisen die Bundesbehörden gar nicht aus. Sie nehmen einfach alle Fälle, die «in Zusammenhang mit» einer Corona-Infektion gestorben seien, in die Statistik der Corona-Toten auf. Die Wortwahl ist ein Skandal der Ungenauigkeit für sich. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt auf Anfrage der Weltwoche: «Mit den Daten, die uns zur Verfügung gestellt werden, sind wir nicht in der Lage, zwischen mit oder an Sars-CoV-2 gestorben zu unterscheiden.» Präzise Obduktionen gibt es kaum.

Doch selbst die durch Unschärfe aufgeblähten Todesstatistiken sind weniger schlimm, als katastrophensüchtige Medien seit Wochen berichten. Bei der letzten großen Grippewelle 2015 starben in der Schweiz rund 2.500 Menschen. Die Corona-Pandemie hat bis jetzt 1.200 Opfer gefordert, die meisten hochbetagt mit mehreren Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder starkes Übergewicht.

Sterben derzeit in der Schweiz mehr Menschen als in früheren Jahren? Die saisonale «Übersterblichkeit» bei den mindestens 65-Jährigen lag vom 1. bis zum 12. April ganz leicht über dem April-Peak der 2015er Grippe. Inzwischen zeigt die Kurve wieder steil nach unten. Bei den unter 65-Jährigen bewegt sich die Sterblichkeit in der erwarteten Bandbreite früherer Jahre ohne Grippepandemie.

Der Bundesrat rühmt sich, seine Maßnahmen hätten das Unheil verhindert. Er muss das sagen angesichts der gigantischen volkswirtschaftlichen Schäden. Die Selbstbeweihräucherung wird durch Fakten aber nicht gedeckt. Daten der ETH belegen sinkende Infektionszahlen vor dem Shutdown-Beginn am 16. März. Einen ähnlichen Kurvenverlauf weist das Robert-Koch-Institut für Deutschland aus. Die Stilllegung von Wirtschaft und Gesellschaft zeigt nach diesen Grafiken kaum Wirkung. Nach der ersten Abflachung vor dem Shutdown pendeln sich die Infektionen und als Folge auch die Zahl der Todesfälle auf gleichbleibend tiefem Niveau ein.

War der Shutdown ein grotesker Irrtum, eine kollektive Überreaktion der Angst? Der schwedische Epidemiologe Professor Johan Giesecke sagt in dieser Ausgabe, dass am Ende alle Länder ungefähr gleich viele Corona-Verstorbene pro Kopf der Bevölkerung verzeichnen würden – unabhängig von den Maßnahmen, die ihre Regierungen getroffen hätten. Man könne die Naturgewalt einer Pandemie nicht stoppen, man könne sie nur «managen», und Schweden versuche einfach, eine Strategie zu fahren, die den Risikogruppen größtmöglichen Schutz gewähre, ohne die Wirtschaft komplett an die Wand zu fahren.

Natürlich ist die Schweiz keine Diktatur. Aber sie ist auf dem Weg dazu. Das Epidemiengesetz von 2013 gibt dem Bundesrat erhebliche Vollmachten. Dass er sie angesichts eines neuartigen, schnell streuenden Erregers anwendet, ist kein Verbrechen. Doch Notstandsmaßnahmen müssen tauglich, notwendig und so milde sein wie möglich. So argumentieren Verfassungsrechtler. Sollte sich herausstellen, dass der Shutdown weder tauglich noch notwendig und schon gar nicht so milde wie möglich gewesen ist, hat die Regierung missbräuchlich gehandelt. Die von den Medien bejubelte Strategie des Bundesrats wäre, um es vorsichtig auszudrücken, ein kostspieliger historischer Fehlschlag, für den allerdings die Politiker und ihre journalistischen Lobredner kaum haften werden.

Widerstand regt sich. Immer mehr Kritiker bezweifeln die Weisheit einer Strategie, die 80jährige Risikopatienten unter die gleiche Quarantäne stellt wie Kinder mit Null oder 45Jährige mit 0,02 Prozent Sterbe-Risiko durch Covid-19. Warum lässt man sie nicht arbeiten? Der Bundesrat scheint gewillt, für die Gesundheit Weniger die Existenz aller aufs Spiel zu setzen.

Wie weiter? Der Druck auf die Regierung steigt. Die Linke will den Shutdown verlängern. Die Bürgerlichen halten dagegen. Im Gewerbe rumort es merklich. Die Ungleichbehandlung der Branchen löst Empörung aus. Die Gastronomen grollen, weil die stolz besoldeten Strategen des Bundes sie einfach vergessen haben. Niemand versteht, warum Tattoo-Studios öffnen dürfen, Tennisplätze und Primarschulen aber geschlossen bleiben. Viele Unternehmer empfinden es als Affront, dass sie den Behörden zuerst ein Sicherheitskonzept vorlegen müssen, ehe sie wieder geschäften dürfen.

Nicht die unsichtbare Hand des Marktes, die Eisenklaue des Staates regiert die Schweiz. Mutwillig vernichtet der Bundesrat Milliarden. Das kann nicht dauern. Die Zahlen sind deutlich. Der Spuk muss ein Ende haben.