Es war in der Süddeutschen sehr gelobt worden. Aber die schmerzhafte Erfahrung hat mich gelehrt: das hat nicht das Geringste zu bedeuten. So auch hier. Ich hatte mir klugerweise eine Karte für 10 Euro gekauft, wenn es sich lohnen sollte, wollte ich nochmal reingehen, auf einem guten Platz . Mein Platz war gar nicht mal so schlecht, wenn es etwas zu Sehenswertes zu sehen gegeben hätte: ich hätte es gesehen.
Auf ihrer Website steht:
DIE RÄUBERINNEN"Schauspiel" sagen sie dazu - aber das Ganze hatte, meiner Meinung nach, mit Schauspiel eben überhaupt gar nichts zu tun. Es war infantiler Schwachsinn. Früher hätte man das 'Happening' genannt, glaube ich. Nacheinander durfte jede mal über längere Zeit ihren Text runterschreien, alle durften sich nackt ausziehen und alle durften dann über die nasse Bühne rutschen.
NACH FRIEDRICH SCHILLER, INSZENIERUNG: LEONIE BÖHM
Schauspiel
Im Spiel, schrieb Schiller, sei der Mensch wirklich frei und nach dieser Freiheit sehne er sich. Für die Regisseurin Leonie Böhm ist das Theater ein fantastischer Ort für diese Suche nach Freiheit. Hier wird gespielt und experimentiert – und das live und gemeinsam. Leonie Böhm wählt dazu „Die Räuber“, das Werk, mit dem sich der junge Schiller selber das erste Mal als Theaterautor ausprobiert hat. Schillers Text erzählt von den Brüdern Franz und Karl Moor, die unter der fehlenden Anerkennung ihres Vaters leiden. Der Vater ist dabei Vieles: ein internalisierter Kritiker, Publikum, der Spiegel der Gesellschaft und ein altes Prinzip. Im Versuch sich zu emanzipieren, verlieren sich die Brüder in den Wäldern und in Gedanken. „Wozu ich mich machen will, ist meine Sache nun“, ruft Franz. Warum sollte man nicht nach eigenen Fiktionen leben? Wozu die Schranken? Wie kommen wir wieder ins Spiel?
Gemeinsam mit dem Ensemble nimmt Leonie Böhm den alten Text als Material, um es selbst einmal zu versuchen, um die Seele „bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen“. Wirkliche Nähe ohne Zwang, eigene Gesetze, keine Angst. Raus aus den Mustern, rein in die Liveness. Ganz „frei“ nach Schiller.
Was immer da los war, auf der Bühne, irgendeine Seele konnte ich dort nicht erkennen, geschweige denn bei geheimen Operationen ertappen. Seelenloser, infantiler Schwachsinn. Das Publikum jubelte.
Grade fand ich unter theaterkritiken.com eine Kritik von einem Banitzki (ein Pseudonym, es ist ein Frank Sporkmann):
Party ohne Schiller
Eine neue Epoche: von der Willkür der Herrschenden zur Freiheit der Bürger
Schillers Drama „Die Räuber“ ist ein Epochendrama, ein Drama, das eine neue Epoche einläutete. In ihm nahm Schiller in einer Zeit von Monarchien, Adelswillkür und Leibeigenschaft die Entstehung des emanzipierten, freien Bürgers vorweg. Dass der Held scheiterte, scheitern musste, lag daran, dass er sich im Zustand der Rebellion befand und die ganze Welt gegen sich hatte. Seither sind gut zweihundert Jahre ins Land gegangen und Schillers Drama ist von den Theaterspielplänen nicht wegzudenken, da seine Postulate über alle gesellschaftlichen Entwicklungen hinweg gültig sind. Sie sind es vor allem, weil sich gesellschaftliche Entwicklungen nicht zwangsläufig in eine Richtung bewegen, sondern immer wieder auch einer Reaktion anheimfallen, die das Rad zurückdrehen möchte.Genialisches Werk: authentische, komplexe Charaktere sind zugleich gesellschaftliche Wesen
Somit kann man sagen, man habe mit Schillers Werk ein wahrhaft humanistisches Fundament, das, wenn wir es nicht verraten, uns in eine gute Zukunft geleiten kann. Zudem ist Schillers Werk genialisch, weil die handelnden Figuren in seinen Dramen authentische Menschen mit komplexen Charakteren sind, die immer auch, und das muss mit Nachdruck betont werden, gesellschaftliche Wesen sind. Schiller macht nie Psychologie ohne Politik und umgekehrt. Das qualifiziert ihn zu einem der bedeutendsten Dichter auf diesem Planeten. Aufgemerkt, wenn die Idee von einem vereinten Europa, dem bislang gewaltigsten Projekt der neueren Weltgeschichte, das Wort erhebt, dann heißt es zu den Klängen von Beethoven: „Freude schöner Götterfunken…“Statt Komplexität: die Botschaft über Bord werfen
Sollte man mit so einem Werk leichtfertig umgehen? Gewiss nicht. Und genau diese Frage drängt sich auf, wenn man die Arbeitsweise von Leonie Böhm betrachtet: „In ihren Arbeiten nimmt die Regisseurin Leonie Böhm sich immer wieder alte Klassiker vor, wirft komplexe Handlungsstränge über Bord und prüft in gemeinsamer Arbeit mit dem Ensemble den Text auf die in ihm verborgenen Themen und Emotionen, um sie im Hier und Jetzt der Aufführung hervorzubringen. So werden schon oft gesagte Worte wieder neu.“ Zwei Gedanken in diesem Zitat aus dem Programmheft zur Aufführung „Die Räuberinnen“ an den Münchner Kammerspielen reizen zum Widerspruch. „Komplexe Handlungsstränge über Bord werfen“ heißt, weitestgehend auf die Geschichte, also auf dass Essenzielle zu verzichten und Schillers Botschaft, den Grund dafür, dass er das Stück überhaupt schrieb und damit seine Freiheit riskierte, über Bord zu werfen. Ist das ein leichtfertiger Umgang? Schiller kann dazu nicht mehr befragt werden, aber man kann vielleicht davon ausgehen, dass er angeraten hätte, diesen Missbrauch zu unterlassen und doch gefälligst selbst eine Geschichte zu schreiben, die die Botschaft, um die es den Machern geht, in die Welt zu bringen. Die Frage nach eben dieser Botschaft steht auch noch im Raum!Geistige Talsohle: banales, armes Denken statt 'alter Klassiker'
Der zweite Einspruch gilt den beiden Wörtern „alte Klassiker“. Alt? Was ist damit gemeint? Alt im Sinn von reich an Jahren, lange genug tot, häufiger in analoger als in digitaler Form, wenn auch verstaubt, in den Haushalten zu finden? Oder alt im Sinn von überkommen? Unmodern, veraltete Sprache? Es gibt keine alte und neue Sprache, es gibt nur gute und reiche und banale und arme Sprache. Und wenn wir über Sprache reden, dann reden wir über das Denken, denn Sprache ist Ausdruck von Denken. Und was dieses Denken anbelangt, können die meisten heutigen Mitbürger den Klassikern nicht das Wasser reichen. Betrachtet man den momentanen geistigen Zustand unserer Gesellschaft, so kann man getrost davon ausgehen, dass die alten Klassiker verzweifelt die Köpfe schütteln würden, wenn sie in diese geistige Talsohle hinabschauten.Spätbürgerliche Relikte: Handwerk und Figurengestaltung
Wie auch immer, es ist erklärtes Konzept von Leonie Böhm, die Klassiker auszuschlachten, um Heutiges hervorzubringen. Sie hat Erfolg damit, wenn man dem frenetisch applaudierenden Premierenpublikum glauben darf. Dabei ist es nicht ganz leicht herauszufinden, worauf der Erfolg basiert. Ist es die Sprachgewalt der Texte, die über Schiller hinausgehen, wie zum Beispiel der Eröffnungssong? „Das ist meine Höhle, hier wohn ich / Komm rein, der Boden ist Honig / … / Hier bin ich immer Erster / denn ich war zuerst da / …“ Oder ist es der Erzählstrang, an dem sich die Darstellerinnen thematisch entlang hangelten, um am Ende zu einem ganzheitlichen Bild einer verbindlichen Aussage zu gelangen? Eher nicht, denn am Ende stand ein Glockenspiel, welches die Darstellerinnen auf ihren nackten Brüsten spielten. Vorab gab es ein Bodysurfing auf der gewässerten Bühne. Eine echte Gaudi. (Also nicht für jedermann.) Oder war es das ausgefeilte Rollenspiel der vier Damen? Die Frage erübrigt sich, da das Konzept an den Kammerspielen diese spätbürgerlichen Relikte wie Handwerk und Figurengestaltung nicht mehr unbedingt vorsieht.Ästhetik wird überflüssig: den Voyeurismus den Publikums konsequent bedienen
Die Darsteller stellen nicht mehr dar, sie waren und darin schien der Erfolg begründet, denn hier wurde der Voyeurismus des Publikums konsequent bedient. Man fühlte sich verbunden, traf sich, wenn man sich wie pubertäre minderjährige Youtube-Influencer gerierte. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass eine Ästhetik, also der bildhafte Ausdruck des Inhalts, überflüssig geworden ist, da ja die Darsteller so authentisch, so zum Anfassen waren. Immerhin, ein Bühnenbild gab es, bestehend aus einer riesigen Wolke, in der man sich auch schon mal einnisten konnte. Sie war zugleich Oszillograph der Emotionen, die in den szenischen Fragmenten und Bruchstücken vorgegeben wurden. Mal färbte sie sich Rosa, mal sonderte sie Rauch ab, als wolle sie sich verhüllen und einige Male weinte sie. Zuletzt so stark, dass das Bodysurfing splitterfasernackten Damen bis in das Publikum hinein möglich wurde.Verbrüderung mit Publikum im Kuschelclub: gemeinsam in die Liveness starten
Um noch einmal die oben gestellte Frage nach der Botschaft aufzugreifen, eine verbindliche Aussage ist schwierig. Vermutlich ging es darum auch gar nicht. Es ging vielmehr um eine emotionale Verbrüderung mit dem Publikum, um sich gemeinsam zu ermutigen, die „eigenen Fiktionen“ zu leben und endlich in die „Liveness“ zu starten. Eine Dimension kam überhaupt nicht vor, die gesellschaftliche. Man ist also mit seinen Bemühungen weit möglichst unter dem Anspruch von Schiller geblieben. Und das was man den Räubern so keck unterstellte, nämlich dass sie auf der Suche nach der Gemeinschaft waren, ist am Premierenabend aufgegangen. Publikum, Darstellerinnen und der endlose Aufmarsch der nicht sichtbaren Macher, sämtlich Frauen, waren für die Dauer der Vorstellung und des Applauses eine verschworene Gemeinschaft. Die Räuber bei Schiller waren kämpferische Parteigänger und kein Kuschelclub. Was in den Kammerspielen über die Bühne ging, könnte man auch Party nennen, und genau das ist es, was die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal geworden ist, eine Partylocation. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass einem als Kritiker Häme entgegenschlägt, wenn man sichtbar keine Begeisterung zeigt. So verhält es sich auf Partys zu fortgeschrittener Zeit, wenn man noch immer nüchtern ist.Party-Highlight: jeder drängt sich mit seinem Individuum hervor
Diese Inszenierung markiert einen weiteren künstlerischen Tiefpunkt an den Kammerspielen, auch wenn sie vielleicht ein Party Highlight war. Von der politischen und gesellschaftlichen Realität wurde man immerhin für achtzig Minuten befreit. Vielleicht sollte ein „alter Klassiker“ das letzte Wort haben, der zwei Tage zuvor bereits in der Kritik zur Inszenierung von „Amphitryon“ am Residenztheater zu Wort kam und sich auf Heinrich von Kleist bezog. Es war Goethe, der sich über „subjektivistische“ Tendenzen in der Kunst beschwerte: : „Jeder will für sich stehen, jeder drängt sich mit seinem Individuum hervor (…), alle verlieren sich im Vagen, und die das tun, sind wirklich große und entschiedene Talente, aus denen aber darum schlechterdings nichts werden kann.“Es dauert eine Stunde und zwanzig Minuten: es wird derb
Es macht im Nachhinein schon nachdenklich, wenn man vor der Vorstellung von der Dame an der Garderobe zugeraunt bekam: „Es dauert eine Stunde und zwanzig Minuten. Es wird derb!“ Es war eine korrekte Aussage zum Abend.Wolf Banitzki