Ich habe versucht, bei der Deutschen
Rentenkasse einen Beratungstermin zu bekommen. Ich wusste schon, dass
das schwierig ist, aber es war noch schwieriger.
Ich versuchte es erstmal gestern sehr
früh telefonisch, kam zur Begrüßung durch die Zentrale,
dann: Wenn Sie einen Termin vereinbaren möchten, drücken Sie die
Taste 1... Ich geriet in
eine Warteschleife, die mich viele Male mitschleifte, dann gab ich
fürs Erste auf. Rief im Laufe des Tages noch zweimal an, aber da
gelangte ich dann noch nicht mal mehr in die Warteschleife – das
Telefon antwortete nur noch mit einem hilflosen, schwachen Knacken,
das wars. Das war ein Fehler, dass ich am frühen Morgen nicht
dringeblieben war, in der Schleife, merkte ich.
Ich
schaute im Internet, denn man kann mittlerweile bei vielen Behörden
Termine online buchen, was super ist. Und hier auch! Erleichtert gab
ich alle Details zu meiner Person und meinen Wünschen ein, Schritt
für Schritt kam ich meinem Termin näher und dann der letzte
Schritt: der Kalender. Voll. Keine Termine frei. Der Kalender reichte
allerdings nur bis Mitte Dezember 2019, ich hätte ja sonst auch
einen Termin im nächsten Jahr gemacht. Aber: nicht möglich.
Der
nächste Tag, diesmal rief ich wieder ganz früh an und tatsächlich:
die Warteschleife nahm mich auf in den Kreislauf von nervtötender
Musik und freundlicher Aufforderung, Geduld zu haben. Ich nutzte die
Zeit, meinen Rentenordner zu sichten. Rentenbescheide sind von
magischer Mysteriösität. Sie dienen nicht dazu, uns zu informieren.
Sie dienen dazu, uns zu verdeutlichen, dass wir, sollte wir jemals
daran denken, eine Rente zu beantragen, uns in einen Zustand
hilfloser Abhängigkeit begeben werden. Menschen werden mit uns
sprechen, aber wir werden sie nicht verstehen. Wir werden
aufgefordert werden, Formulare auszufüllen mit Fragen, deren Sinn
wir nicht einmal in unserer wildesten Phantasie erraten könnten. Wir
werden uns überlegen, lieber wieder arbeiten zu gehen, anstatt in
Rente. Das ist der Sinn.
Plötzlich,
nach einer guten Viertelstunde, hörte ich eine Männerstimme aus dem
Hörer quaken. Ich war kurz fassungslos, dann fragte ich nach einem
Termin. Er sprach bayrisch, sehr freundlich, sehr jovial:
„Ja,
das sind Sie bei mir schon richtig, aber Termine gibt es nicht.“
„Nicht?“
„Nein“,
bestätigte er freundlich, „wir vergeben keine Termine mehr.“
Dann
beugte er sich gleichsam näher zu mir und vertraute mir an: „Wir
sind zu wenige, wir sind zur Zeit überfordert.“
„Aber...“
ich war ratlos. „Was soll ich denn dann machen?“
„Versuchen
Sie es heute Mittag oder heute Nachmittag nochmal.“
„Anrufen?
Aber wieso? Um die Zeit kommt man gar nicht mehr durch.“
„Ja“,
sagte er unendlich freundlich, „es kann sein, dass sich mal was
ändert. Wir sind zur Zeit eben einfach überfordert. Was ist denn
eigentlich Ihr Anliegen?“
Er
ließ sich meine Sozialversicherungsnummer geben und verwickelte mich
in ein gemütliches Gespräch über meine Lage: „Dozentin wollen
Sie werden? Dozentin für was?“
Ich
war überrascht, wieviel Zeit er sich nahm, und schüttete ihm mein
Herz aus. Nebenbei hörte ich pausenlos seine Tastatur klicken. Ich
dachte an die vielen Menschen da draußen, die grade versuchten, in
die Warteschleife einzudringen.
Ich fragte: „Soll
ich vielleicht beim Kreisverwaltungsreferat mal nachfragen, die
bieten auch Beratung an?“
Er
wehrte erst ab: „Die bieten nur Hilfe bei Rentenanträgen an“,
aber dann überlegte er es sich anders: „Aber versuchen Sie es
ruhig, vielleicht wissen die ja doch mehr, als ich denke!“
Das
klang nicht ermutigend.
„Was
ist, wenn ich meine Fragen schriftlich stelle?“
Sehr entschieden wandte er sich dagegen: „Nein, machen Sie das nicht! Da schicken Sie uns eine
Liste mit Fragen und irgendwann kriegen Sie vielleicht Antwort, aber
dann ergeben sich daraus wieder neue Fragen... und dann? Nein, es ist
doch besser, wenn man sich gleich direkt austauschen kann, ein
Gespräch ist auf jeden Fall sinnvoller.“
Mit
anderen Worten: ich sollte mir einen Termin geben lassen. Aber
Termine gab es nicht. Ich fühlte eine Schwere in mir, die Schwere
der Resignation.
Und
dann geschah das Unglaubliche. Er rief ganz plötzlich: „Da ist
einer! Ein Termin! Morgen früh um 10 Uhr!“
Jemand
hatte grade abgesagt. Während unseres Gesprächs hatte er wohl die
ganze Zeit den Kalender durchforstet und diese Lücke entdeckt, in
die er mich sofort entschlossen hineinstopfte.
Ich
hatte einen Beratungstermin bei der Deutschen Rentenversicherung
bekommen – in 26 Stunden nach meinem Anruf.
