Donnerstag, 12. September 2019

Beratungstermin


Ich habe versucht, bei der Deutschen Rentenkasse einen Beratungstermin zu bekommen. Ich wusste schon, dass das schwierig ist, aber es war noch schwieriger.
Ich versuchte es erstmal gestern sehr früh telefonisch, kam zur Begrüßung durch die Zentrale, dann: Wenn Sie einen Termin vereinbaren möchten, drücken Sie die Taste 1... Ich geriet in eine Warteschleife, die mich viele Male mitschleifte, dann gab ich fürs Erste auf. Rief im Laufe des Tages noch zweimal an, aber da gelangte ich dann noch nicht mal mehr in die Warteschleife – das Telefon antwortete nur noch mit einem hilflosen, schwachen Knacken, das wars. Das war ein Fehler, dass ich am frühen Morgen nicht dringeblieben war, in der Schleife, merkte ich.
Ich schaute im Internet, denn man kann mittlerweile bei vielen Behörden Termine online buchen, was super ist. Und hier auch! Erleichtert gab ich alle Details zu meiner Person und meinen Wünschen ein, Schritt für Schritt kam ich meinem Termin näher und dann der letzte Schritt: der Kalender. Voll. Keine Termine frei. Der Kalender reichte allerdings nur bis Mitte Dezember 2019, ich hätte ja sonst auch einen Termin im nächsten Jahr gemacht. Aber: nicht möglich.
Der nächste Tag, diesmal rief ich wieder ganz früh an und tatsächlich: die Warteschleife nahm mich auf in den Kreislauf von nervtötender Musik und freundlicher Aufforderung, Geduld zu haben. Ich nutzte die Zeit, meinen Rentenordner zu sichten. Rentenbescheide sind von magischer Mysteriösität. Sie dienen nicht dazu, uns zu informieren. Sie dienen dazu, uns zu verdeutlichen, dass wir, sollte wir jemals daran denken, eine Rente zu beantragen, uns in einen Zustand hilfloser Abhängigkeit begeben werden. Menschen werden mit uns sprechen, aber wir werden sie nicht verstehen. Wir werden aufgefordert werden, Formulare auszufüllen mit Fragen, deren Sinn wir nicht einmal in unserer wildesten Phantasie erraten könnten. Wir werden uns überlegen, lieber wieder arbeiten zu gehen, anstatt in Rente. Das ist der Sinn.
Plötzlich, nach einer guten Viertelstunde, hörte ich eine Männerstimme aus dem Hörer quaken. Ich war kurz fassungslos, dann fragte ich nach einem Termin. Er sprach bayrisch, sehr freundlich, sehr jovial:
Ja, das sind Sie bei mir schon richtig, aber Termine gibt es nicht.“
Nicht?“
Nein“, bestätigte er freundlich, „wir vergeben keine Termine mehr.“
Dann beugte er sich gleichsam näher zu mir und vertraute mir an: „Wir sind zu wenige, wir sind zur Zeit überfordert.“
Aber...“ ich war ratlos. „Was soll ich denn dann machen?“
Versuchen Sie es heute Mittag oder heute Nachmittag nochmal.“
Anrufen? Aber wieso? Um die Zeit kommt man gar nicht mehr durch.“
Ja“, sagte er unendlich freundlich, „es kann sein, dass sich mal was ändert. Wir sind zur Zeit eben einfach überfordert. Was ist denn eigentlich Ihr Anliegen?“
Er ließ sich meine Sozialversicherungsnummer geben und verwickelte mich in ein gemütliches Gespräch über meine Lage: „Dozentin wollen Sie werden? Dozentin für was?“
Ich war überrascht, wieviel Zeit er sich nahm, und schüttete ihm mein Herz aus. Nebenbei hörte ich pausenlos seine Tastatur klicken. Ich dachte an die vielen Menschen da draußen, die grade versuchten, in die Warteschleife einzudringen.
Ich fragte: „Soll ich vielleicht beim Kreisverwaltungsreferat mal nachfragen, die bieten auch Beratung an?“
Er wehrte erst ab: „Die bieten nur Hilfe bei Rentenanträgen an“, aber dann überlegte er es sich anders: „Aber versuchen Sie es ruhig, vielleicht wissen die ja doch mehr, als ich denke!“
Das klang nicht ermutigend.
Was ist, wenn ich meine Fragen schriftlich stelle?“
Sehr entschieden wandte er sich dagegen: „Nein, machen Sie das nicht! Da schicken Sie uns eine Liste mit Fragen und irgendwann kriegen Sie vielleicht Antwort, aber dann ergeben sich daraus wieder neue Fragen... und dann? Nein, es ist doch besser, wenn man sich gleich direkt austauschen kann, ein Gespräch ist auf jeden Fall sinnvoller.“
Mit anderen Worten: ich sollte mir einen Termin geben lassen. Aber Termine gab es nicht. Ich fühlte eine Schwere in mir, die Schwere der Resignation.
Und dann geschah das Unglaubliche. Er rief ganz plötzlich: „Da ist einer! Ein Termin! Morgen früh um 10 Uhr!“
Jemand hatte grade abgesagt. Während unseres Gesprächs hatte er wohl die ganze Zeit den Kalender durchforstet und diese Lücke entdeckt, in die er mich sofort entschlossen hineinstopfte.
Ich hatte einen Beratungstermin bei der Deutschen Rentenversicherung bekommen – in 26 Stunden nach meinem Anruf.